Es ist fast ein bisserl unmenschlich, so früh aufzustehen. Wir müssen allerdings von München nach Mittenwald fahren und wollen in der ersten Gondel der Karwendelbahn dabei sein. Die geht um 08:30 Uhr und wir brauchen ca. eineinhalb Stunden für die Anfahrt. Puffer mit eingerechnet … puh, immer diese Aufsteherei. Vielleicht entschleunigen wir unser Leben doch noch irgendwann und satteln auf einen VW-Bus um. Dann könnten wir schon am Abend vorher … und übernachten? Naja, vorerst ist das Träumerei.

Der Mittenwalder Klettersteig soll gerade für Anfänger attraktiv sein. Ich fand ihn damals als meinen ersten Klettersteig auch echt Klasse. Diesmal ist Karo Klettersteig First-Timer. Wir haben unsere Sachen gepackt und wollen von der Bergstation der Kawendelbahn starten. Das spart uns erstmal ein paar Stunden Aufstieg, denn von der Bergstation über den Steig und zurück geht man ja eh schon einige Stunden. Stefanie vom Gipfel-Glück Blog beispielsweise, ist diese Tour komplett durchgegangen. Respekt!

Tourensteckbrief:

  • Charakter: Mittelschwerer Klettersteig (K2)
  • Anforderungen: Gelände mittelschwer, gut gesichert, stellenweise Selbstsicherung notwendig
  • Start/Ziel:
    Bergstation Karwendelbahn
  • Distanz: 12 km • Gehzeit: 6 h
  •  430 m •  1.750 m
  • Highlights: Kletterpassagen & Rundum Bergpanorama

Etappen
Bergstation Karwendelbahn • Brunnsteinanger • Brunnsteinhütte • Talstation Karwendelbahn

Begeisterung

‘Du bist nicht allein’, denk ich mir. Wir stehen in einer Traube von Bergfreunden, die mit der ersten Gondel hinauf wollen. Man schmiert sich mit Sonnencreme ein, zieht Sachen an und aus, oder kramt geschäftig im Rucksack. Die Schlange bewegt sich langsam und stetig zur Kasse vor. Die erste Gondel schaffen wir so natürlich nicht. Aber es gibt eine Nummer zwei, da stehen wir drin. Der Blick aus der Gondel ist fantastisch: Felswände ziehen an uns vorüber und wir gewinnen schnell an Höhe und Weitsicht. Dann sind wir an der Bergstation angekommen und blicken uns erstmal um. Tiefblauer Himmel und saftig grünes Gras. Und Felsen, jede Menge davon.

Einige Minuten später stehen wir an der Bank zwischen der Westlichen Karwendelspitze und dem Anstieg rüber zum Beginn des Mittenwalder Klettersteigs. Die Klettersteig-Sets sind bereits angelegt und Karo ist auch schon etwas hibbelig: Der echt allererste Klettersteig – wooohoooo! Mit einer guten Portion Begeisterung beobachten wir ein paar Kletterer in der Westliche Karwendelspitze. Heute lassen wir sie aber aus, lassen den Profis den Vortritt.

Mittenwalder Klettersteig

Von der Bank aus beobachten wir noch ein wenig den wuselnden Haufen der Bergtouristen, der um uns herum vor sich hin alpiniert. Ein Schwarm aus Outdoor-Sandalen und Profi-Kletterhelmen. So ist das eben im Hochgebirge, wenn eine Seilbahn in unmittelbarer Nähe fährt. Bei gutem Wetter und guter Sicht ist hier oben mächtig viel los, den ganzen Tag. Die Karwendelbahn fährt im Sommer sogar extra lang. Wir wollen aber heute nicht mit ihr zurück ins Tal, sondern machen uns auf den Weg zum Beginn des Mittenwalder Klettersteigs.

Da passieren wir die Gipfeltouristen am Startpunkt und lassen uns ein wenig Zeit während der ersten Meter des Mittenwalder Klettersteigs. Üben das sichern und umhängen beim Klettersteiggehen. Und es klappt recht gut. Karo kraxelt souverän über Stege, Felsen, Leitern und am Seil entlang. So erreichen wir die Linderspitze, machen dort kurz Rast und essen ein wenig. Es ist ein genialer Bergtag und das merken wir auch an den vielen Bergsteigern, die in beiden Richtungen unterwegs sind. Ist ja auch verständlich: Der Mittenwalder Klettersteig ist nicht allzu schwer und spannend. Außerdem bietet er ein echt beeindruckendes Rundum-Panorama.

Schon wieder unterwegs, dauert es nicht lange, bis wir auf eine Schutzhütte, die am Fels zu kleben scheint, treffen. Hier ist alles erlaubt, nur keine Fahrräder! An der Stelle habe ich ein paar Jahre zuvor meinen brandneuen Helm verloren. Zu doof, ich wollte ihn gerade aufsetzen, so kurz vor dem Kamin. Da ist er mir davon geflutscht und den Abhang runder gekullert. Diesmal klappt aber alles bestens. Und unterwegs fragen wir uns auch, was Frau in einem T-Shirt, 3/4-Leggings und Laufschuhen an einem Klettersteig so macht? Trail-Running? Nein. Rauchen, ah okay. Hoffentlich nimmt das Mädl wenigstens den Kippenstummel wieder mit.

Fleißarbeit

Die Kirchlspitze haben wir schon eine zeitlang hinter uns und damit ist auch der Mittenwalder Klettersteig geschafft. Was man leicht vergißt: Der Mittenwalder Klettersteig ist auch eine Grenzbegehung. Wir touren somit abwechselnd in Deutschland oder Österreich. Eben entlang der Grenze: eine regelrechte Grenzerfahrung. Auch der Brunnsteinanger ist Grenzgebiet. Kurz davor und etwas oberhalb machen wir eine weitere Pause, packen Klettersteig-Set ein und die Teleskopstöcke aus. Andere bekundeten unten am Anger ihre Liebesschwüre. Da wird einem echt bisserl romantisch um’s Herz. Also rücken Karo und ich noch ein bisserl enger zusammen und genießen gemeinsam den Blick ins Karwendel und auf die “Steinherzen” unten am Anger.

Der lange Abstieg beginnt: Servus Mittenwalder Klettersteig! Eine echte Fleißarbeit, wenn man zuvor schon einige Stunden und Kilometer gekraxelt ist. Wir trotten steil nach unten. In Serpentinen und bald zwischen vielen Latschen, geht es stetig bergab. Ein Karsurfer kreuzt unseren Weg, wir überholen ein sportlich ungleiches Pärchen: Sie meckert ein wenig, er schmunzelt ein bisschen. Naja, wir werden auch langsam müde. Und dann erreichen wir die Brunnsteinhütte und machen dort Halt, genießen den Ausblick. Übernachten könnte man hier auch. Beim nächsten mal vielleicht. Wobei mir da der Gedanke durch den Kopf geht, oben, oberhalb des Brunnsteinangers mal zu biwacieren.

Blick nach vorn

Nach der Stärkung auf der Hütte geht’s gleich spürbar leichter. Wir treffen auf einen Esel und eine Ziege. Sie gehören zur Hütte und pilgern frei auf der Suche nach den Leckerbissen der Natur, bergab und bergauf. Lassen sich von uns nicht stören. Wenn ich jetzt wieder die Bilder dazu anschaue, muss ich schmunzeln. Für mich sind es solche Kleinigkeiten, die eine Tour beeindruckend und einzigartig werden lassen. Naja, aber wir müssen ja noch ein gutes Stück absteigen. Schaffen wir auch zügig und sind froh, dass wir dann endlich die letzten paar Kilometer im Tal dahin trotten können.

Wir richten unseren Blick nach vorn: Ich in der Hoffnung auf ein Ende, die Heimfahrt steht ja noch an, und Karo was die nächsten Klettersteige betrifft. Kurz vor der Talstation der Bergbahn landet dann noch ein Hubschauber des ADAC. Hmm … es ist ja grds. immer kein gutes Zeichen, wenn die Gelben Engel fliegen. Wir können nichts weiter erkennen und sind heimlich froh drüber. Die letzten Meter schlagen wir uns noch durch ein Wäldchen und im Zwilicht der eben untergegangenen Sonne erreichen wir dann unser Auto an der Bahnstation: geschafft!

 Höhenprofil

 

 

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