Bergtour

Die Auerspitze im Mangfallgebirge – „Die Welt zu Gast bei Freunden“

Auf dieser Tour zur Auerspitze im Mangfallgebirge begleitet mich die Antje. Eine Tour, die quasi den Grundstein für unser jährliches 3.000er-Abenteuer legen wird. Die Auerspitze und Maroldschneid sind einfache und dennoch spannende Gipfel. Die Auerspitze misst knapp 1.811 m und der höchste Punkt (Gipfel) des Maroldschneid 1.688 m. Die Auerspitze im Mangfallgebirge bildet den westlichen Abschluss des Höhenkamms Maroldschneid. Bekannte Nachbarn der Auerspitze ist zum einen die Rotwand, nordwestlich gelegen. Im Norden dominiert der Wendelstein, im Süden das Hintere Sonnwendjoch (Tirol). Im Osten blickt man auf den Kleinen und Großen Traithen und dahinter auf das Kaisergebirge.
Antje und ich haben uns den Gipfel der Auerspitze und den Maroldschneid für eine Adventstour ausgesucht. Schnee liegt diesen Dezember noch keiner. Daher ist die Tour auf die Auerspitze auch jetzt im Winter eine einfache Bergwanderung. Wir starten am Parkplatz „Beim schweren Gatter“, im Ursprungtal, südlich von Bayrischzell. Hier gibt es auch eine Bushaltestelle mit Verbindung nach Bayrischzell.

DIE TOUR IM ÜBERBLICK

Tourensteckbrief:

  • Charakter: Wandern (T1)
  • Anforderungen: Kondition
  • Start/Ziel: Parkplatz „Beim schweren Gatter“
  • Distanz: 12,5 km • Gehzeit: 4:10 h
  • Höhenmeter:1.035 m • ↓ 1.035 m
  • Einkehr unterwegs: Sillberghaus

Etappen (Gehzeiten kumuliert):

  •  Wirthsalm (1:00 h)
  • Gipfel Auerspitze (2:10 h)
  • Gipfel Maroldschneid (3:00 h)
  • Parkplatz „Beim schweren Gatter“ (4:10 h)

Hinweise:
Im Winter bei Schnee darf der Maroldschneid aus Rücksicht auf Bergwild nicht begangen werden: Wald-Wild-Schongebiet.
Im Sommer ist der Südausläufer des Maroldschneid von Weidevieh besiedelt, daher ist aus Rücksicht der Abstieg nach Norden zum Soinalm über den nicht markierten Steig ratsam.

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Der Biker von der Auerspitze

Auerspitze-Maroldschneid-Mangfallgebirge - Blick auf den kleinen und großen Traithen

Weiter geht es zur Sandbichleralm. Blick zurück zum kleinen und großen Traithen.

Vom Parkplatz Am schweren Gatter führt eine enge und steile Forststraße hinauf zum Silberghaus und weiter bis auf die Wirthsalm. Sie mündet in der Sandbichler Almhütte, die zweite von zwei Almhütten am Südhang des Maroldschneid-Kamms. Von der Sandbichler Almhütte erst führt ein Pfad, später ein Steig auf den Südkamm der Auerspitze. Von dort ist man in einer guten halben Stunde auch auf der Rotwand, ein sehr bekannter Gipfel im Mangfallgebirge. Diese Route ist Teil der Via Alpina, dem Weitwanderweg zwischen Triest und Monaco. Wir werden aber soweit nicht gehen und über den Südkamm heute nur den Gipfel der Auerspitze erstürmen. Alles in allem ein leichter Gipfelanstieg. Bis es allerdings soweit ist machen Antje und ich eine kurze Pause auf der Wirthsalm und genießen das Panorama und die Sonne. Bevor wir wieder aufbrechen, überkommt mich eine Anfall von alpiner Genialität: Ich mache vor Antje einen Kniefall und setze an: „Meine liebe Antje … und wir beide schon viele Bergtouren … habe ich mir gedacht, Dich zu fragen … willst Du … mit mir jedes Jahr einen 3.000er besteigen???„. Als Antje sich vom ersten Schrecken erholt, gewahr wird, dass Sie nur eine Bergpartnerschaft eingehen muss, antwortet Sie freudestrahlend: „JA!„. Und dieser Antrag trägt Früchte: Unser erster gemeinsamer 3.000er sollte die kleine Venter Runde über den Saykogel werden.

Für mich persönlich ist der spannendere Teil der Tour die Passage, die uns über Pfade und Steige führt – also ab der Sandbichleralm. Wir passieren nach einiger Zeit die kümmerlichen Mauerreste einer uralten Almhütte. Eine Almhütten-Ruine sozusagen. Hier beginnt auch bald der Anstieg zum Südkamm, den wir über leichte Steige erreichen. Dennoch ist hier Konzentration gefragt. Am Südkamm angekommen, sind wir auch die gesamte Südflanke des Maroldschneid Kamms abgewandert. Nach insgesamt 2:10 Stunden stehen wir endlich auf dem Gipfel der Auerspitze. Den ziert ein kleines, schmiedeeisernes Kreuz. Inmitten des Mangfallgebirgspanorama packen wir unsere Advents-Gipfelbrotzeit aus. U.a. mit Glühwein und Lebkuchen. Plötzlich erklimmt ein behelmter Biker, das Mountainbike geschultert, den Gipfel von der Nordseite, von der Kümpflscharte kommend. Wir kommen ins Gespräch. Der Biker will unsere Aufstiegsroute mit dem Bike runterfahren. Wir staunen nicht schlecht. Da sind für ein Bike schon knifflige Stellen dabei. Und ein wenig haben wir Sorge, dass er auf dem Steig vielleicht stürzt und irgendwo auf der Kümpflalm einsam und unauffindbar die Nacht verbringen könnte. Also vereinbaren wir mit ihm, dass er am Parkplatz unten angekommen, den Heckscheibenwischer meines Autos aufstellt. Damit haben wir dann Gewissheit, dass er gut durchgekommen ist. Andernfalls alarmieren wir die Bergwacht. Mit einem Schmunzeln macht er sich an die Abfahrt und wir verputzen noch ein zwei Lebkuchen.

Besuch aus Italien – (k)ein Sommermärchen

Auerspitze-Maroldschneid-Mangfallgebirge - Almhüttenruine

Blick zurück auf die Ruinenreste einer ehemaligen Almhütte (li.).

Vom Gipfel der Auerspitze hat man einen tolles Panorama ins Mangfallgebirge und über die bayrischen Alpen. Nach Westen hin schweift der Blick bis zu den Blaubergen und rüber zu den Tegernseer Berge mit dem markanten Pärchen Roß- und Buchstein. Direkt unterhalb der Auerspitze und der benachbarten Rotwand erstreckt sich die Kümpflalm. Dort war im Juni 2006 ein bis dahin wenig bekannter Italiener, mit dunkelblondem Haarschopf, nach einer siebenwöchigen Alpendurchquerung angekommen. Gestartet war er im Trentino. Nach bereits zwei Wochen war der Bergfex über die Schweiz nach Tirol ins Lechquellgebiet gewandert. Eine Woche später war er im Werdenfelser Land bei Garmisch zu Besuch und hielt dann wieder auf Tirol zu. In der Zeit fand am 9. Juni im nahen München das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft statt. Das Motto der Fußball-WM: „Zu Gast bei Freunden“. Vielleicht war der dunkelblonde Italiener deshalb nach Bayern gekommen? Die Ganze Welt war ja eingeladen. Genau weiss man es nicht, aber er war sicher ein Fan der italienischen Nationalmannschaft. Die überwand in der Vorrunde der Gruppe E die Mannschaften Ghana, USA und Tschechien. Am 26. Juni mussten die Italiener gegen die Mannschaft aus Australien im Achtelfinale antreten. Vielleicht war der italienische Besucher grade auf dem Weg zum Spiel. Das fand allerdings nicht in München, sondern in Kaiserslautern statt – ein weiter Weg.

Auerspitze-Maroldschneid-Mangfallgebirge - Bergpfad

Der Bergpfad schlängelt sich vor eine tollen Kulisse stetig bergauf.

Unser Freund stammte aus dem Trentino. Geboren und aufgewachsen war er in der Gegend des Adamello-Brenta Naturparks. Er war der Erstgeborenen seiner Eltern: Mutter Jurka und Vater Jose. Auch hatte er ein Geschwisterchen. Zeit seines Lebens galt er als sehr naturverbunden und als eingefleischter Alpinist. Er war ein Einzelgänger. Brauchte seinen Freiraum. Unternahm viele Touren im italienischen, schweizer und österreichischen Alpenraum. Nur eines Tages wurde ihm sein Zuhause wahrscheinlich einfach zu eng. Seine Tagestouren zu langweilig. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, die Alpen zu durchqueren. Einen Blog dazu hat er nicht geschrieben. Hätte sicher sowieso kaum jemand gelesen, die WM war ja in vollem Gange. Jedenfalls machte sich der kleine, stämmige Italiener Anfang Mai auf den Weg und traf am 26. Juni in der Nähe der Kümpflalm, im Mangfallgebirge ein. Genau die Alm unterhalb der Rotwand und der Auerspitze. Unterwegs hatte er immer wieder Kontakt zu den Einheimischen. Kontaktscheu war er nicht, der Italiener. Nur trat er den Passanten halt immer sehr dominant und endgültig entgegen. Freunde hatte der wirklich keine, das kann man schon sagen. Schließlich lastete man ihm einige Einbrüche an, auch Vandalismus und vermutete stark, dass er auch hinter der ein oder anderen Körperverletzung mit Todesfolge stecken musste. Die Tiroler waren da nicht zimperlich und wollten den auffälligen Zeitgenossen bald loswerden. Quasi abschieben. Also sollte der kriminelle Südländer vergrault werden.

Als das nicht klappte, der italienische Bergfex war ziemlich schlau, fasste man den Plan: Der muss aus dem Verkehr gezogen werden. Da machte sich der Südländer aus dem Staub und setzte sich nach Bayern ab. Ein schlauer Bursche eben. Den Tirolern war das recht und er war aus dem Schneider. Konnte sich wieder in Ruhe im Werdenfelser Land seiner Beschaffungskriminalität widmen. In Bayern allerdings weht bekanntlich ein anderer Wind: Die Behörden reagierten schnell und stellten ihm Fallen, doch der gewitzte Italiener führte sie erst mal an der Nase herum und wechselte ständig seinen Aufenthaltsort zwischen Bayern und Tirol. Ein kleiner Räuber Kneißl halt. Selbst unter Zurhilfenahme von ausgeklügelte Systemen aus den USA, konnten Sie ihn nicht dingfest machen. Nicht nur in der Bevölkerung, auch bei den zuständigen Behörden in Tirol kam langsam Sympathie auf. Nicht, dass er ein Robin Hood gewesen wäre, aber man mag schon gern mal schmunzeln und anerkennend nicken, wenn ein verschmitzter Gauner die Staatsgewalt zum Narren hält. Einmal biwakierte er sogar vor einer Polizeiwache. „A Hund issa scho„, sagt man da in Bayern. Aber da hatte er seine Rechnung nicht mit dem Freistaat Bayern gemacht! Am Morgen des 26. Juni – am Tag des Achtelfinales für Italien – war der stämmige Halunke unterwegs im Mangfallgebirge. Wahrscheinlich auf der Suche nach einem kleinen Frühstück. Und vielleicht hat er sich gedacht, wie schön doch die bayrischen Alpengipfel sind. Da die Rotwand und daneben die Auerspitze. Indes war die italienische National-Elf damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für das Spiel gegen Australien zu treffen.

Auerspitze-Maroldschneid-Mangfallgebirge - Blick auf die Kümpflalm

Der Biker startet seinen Downhill und wir blicken hinab auf die Kümpflalm.

Da traf es ihn wie ein Donnerschlag. Sichtlich angeschlagen hatte er sich dann noch davon zu schleppen versucht. Aber die rechte Lunge und die Leber waren getroffen. Von einer Gewehrkugel. Das war dann sein Ende, das vom Bruno. Aktenkundig war er ja schon lang und wurde mit der Kennung JJ1 geführt. In Bayern gab man ihm schnell den Beinamen „Problembär“. Ob er gewusst hatte, dass vor ihm das letzte Mal vor 170 Jahren einer seiner Artgenossen in Bayern erlegt wurde, als es ihn erwischt hatte? Wohl kaum. Dennoch: 1835 wurde der letzte Braunbär in freier Wildbahn bei Ruhpolding erlegt. Der Letzte bis zum 26. Juni 2006. Denn jetzt steht da der Name vom Bruno (JJ1) auf der Liste – an erster Stelle.

„Die Welt zu Gast bei Freunden“ hieß es im Sommer 2006 – ein wahres Sommermärchen sozusagen. Und wer noch das ein oder andere Märchen kennt: In einem Märchen gibt es immer einen, der über den Jordan gehen muss. Beim Rotkäppchen hat man den Wolf ertänkt und das Rumpelstilzchen beging am Ende sogar Suizid. Der Bruno selbst steht heute im Museum Mensch und Natur im Schloss Nymphenburg in München. Er ist Teil einer Szene die seine kriminelle Vergangenheit aufzeigen soll: Einbruch in einen Bienenstock. Wenn ihr mich fragt: Er schaut recht traurig drein, ausgestopft wie er da ist. Mit Recht: Mensch und Natur – kein rühmlicher Name für ein Museum, wenn man den armen italienischen Braunbären Bruno heute noch klischeehaft als Honigdieb darstellt. Nichts rühmliches an dem Abschuss überhaupt. Italien schlug übrigens am Abend des 26. Juni Australien mit 1:0. Die Mannschaft traf dann am 4. Juli im Halbfinale auf Deutschland und fegte den Gastgeber Deutschland mit 0:2 aus dem Turnier und holte sich dazu auch noch den WM-Titel im Finale mit 5:3 gegen Frankreich – nach Elfmeterschießen.

Variante über den Maroldschneid

Gute acht Jahre später stehen Antje und ich auf der Auerspitze und blicken hinab auf die Kümpflalm. Ja, das war damals schon tragisch: In der Verlängerung kicken uns die Italiener aus dem WM-Turnier. Die Deutsche National-Elf war mit 4 Bayernspieler angetreten. Vielleicht war das eine kleine göttliche Fügung, zu Ehren Brunos? Man weiß es nicht. Was man aber sagen kann: Das Urlaubsland Bayern steht in der Bären-Tourismusbranche im Trentino nicht hoch im Kurs. Antje und ich nehmen indes Kurs Richtung Osten und verlassen den Gipfel der Auerspitze. Wir wollen über den langgezogenen Bergkamm mit Namen Maroldschneid zurückwandern. Dessen höchster Punkt liegt in etwa im letzten Drittel bei 1.668 m. Im Winter bei Schnee ist dies aber Wild-Wald-Schongebiet. Ein Wandern mit Skiern oder Schneeschuhen ist dann nicht erlaubt. Es soll das Bergwild während der harten Wintermonate schützen. Richtig so! Da aber kein Schnee liegt, wandern wir entlang des unschwierigen Steigs über Stock und Stein, bis wir die östliche Spitze des Maroldschneid erreichen. Der Pfad endet hier und es gibt auch insgesamt keine Wandermarkierungen.

Auerspitze-Maroldschneid-Mangfallgebirge - Wendelsteinpanorama

Nördliches Gipfelpanorama: Vorne der Hochmiesing, Dürrmiesin und Steilenberg. Mittig der Seebergkopf und dahinter die Wendesteingruppe.

Wir steigen nach Süden hin ab und umschiffen ein paar Felsstürze. Hier oben ist im Sommer Weideland und Viehwirtschaft. D.h., dass diese Variante dann nicht gerade geeignet ist, da sonst das Vieh gestört wird. Der Abstieg nach Norden in den Soingraben über einen nicht markierten Steig ist die Alternative. Unser steiler und wegloser Abstieg mündet auf der Forststraße an der Wirthsalm. Da sind Teleskopstöcke schon sehr hilfreich. Inzwischen brauchen wir zudem die Stirnlampen, da es bereits dunkel geworden ist. In ca. 15 Minuten sind wir wieder am Parkplatz „Am schweren Gatter“ und blicken auf eine aussichtsreiche, einfache und spannende Bergwanderung zurück. Und siehe da, der Heckscheibenwischer meines Autos ist aufgestellt. Also ist der Biker heil und gut durchgekommen: Fin qui tutto bene …

Bilder zur Tour auf die Auerspitze

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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

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