Bergtour

Auf die Harte Tour – Der Klagenfurter Jubiläumsweg

Der Klagenfurter Jubiläumsweg zählt zu den anspruchsvollen und selten begangenen Höhenwegen der Ostalpen. Er verläuft entlang der Grenze zwischen Salzburg und Kärnten in Österreich, vom Glocknerhaus an der Hochalpenstraße bis zum Hohen Sonnblick und liegt damit mitten im Nationalpark Hohe Tauern. Anspruchsvoll ist der Klagenfurter Jubiläumsweg, weil er auf über 30 Kilometern über 10 Gipfel führt – davon acht 3.000er. Der Weg verläuft über teils steile Pfade und Steige, die stellenweise gut versichert sind. Kletterpassagen im I. und II. Schwierigkeitsgrad und eine Gletscherquerung am Kleinfleißkees runden das Abenteuer erst so richtig ab. Angelegt wurde dieser alpine Höhenweg im Jahr 1972, zum 100jährigen Jubiläum der Alpenvereinssektion Klagenfurt. Otto Umlauft, seit 1956 Sektionsobmann, der sich bereits bei vielen anderen Sektionsprojekten verdient gemacht hatte, konstruierte zudem eine Biwakschachtel und ließ diese am 12.10.1973 per Hubschrauber auf 2.986 m in der Krumlkeesscharte montieren. Die Alpensektion benannte die Biwakschachtel nach ihrem Konstrukteur: Otto-Umlauft-Biwak.

DIE TOUR IM ÜBERBLICK

  • Charakter: Alpinwandern (T4) – Kletterstellen bis Schwierigkeitsgrad 2 (UIAA)
  • Anforderungen: Gute Kondition, gute Orientierung, Trittsicherheit, Alpine Erfahrung
  • Start/Ziel: Parkplatz an der Handelsbrücke

  • Distanz: 30 km • Gehzeit: 12 h (an 3 Tagen)
  • Höhenmeter:2.955 m • 3.375 m
  • Einkehr unterwegs: Glocknerhaus • Kiosk Hochtor • Wallackhaus • Alter Pocher


Etappe 1 – Vom Glocknerhaus zum Wallackhaus
Distanz: 12,5 km • Höhenmeter: ↑ 1.375 m • 1.215 m

  • Untere Pfandlscharte (1:35 h)
  • Gipfel Spielmann (2:10 h)
  • Gipfel Brennkogel (3:15 h)
  • Wallackhaus (5:00 h)

Etappe 2 – Vom Wallackhaus zum Otto-Umlauft-Biwak
Distanz: 8,5 km • Höhenmeter: ↑ 1.090 m • 400 m

  • Tauernkopf (0:45 h)
  • Gipfel Hinters Modereck (2:00 h)
  • Gipfel Krumlkeeskopf (3:00 h)
  • Otto-Umlauft-Biwak (3:15 h)

Etappe 3 – Vom Otto-Umlauft-Biwak zum Parkplatz an der Handelsbrücke
Distanz: 9 km • Höhenmeter: ↑ 490 m • 1.760 m

  • Gipfel Hocharn (0:45 h)
  • Gipfel Goldzechskopf (1:45 h)
  • Alter Pocher (3:30 h)
  • Parkplatz an der Handelsbrücke (3:45 h)
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Anreise und Etappe 1 – Vom Glocknerhaus zum WAllackhaus

Im April dieses Jahres besuchte ich die Buchvorstellung Wilde Hütten von Mountain Wilderness Deutschland. Dazu überredet hatte mich Nadine von KulturNatur.de und Uli von aufdenberg.de. Eine sehr humorvolle und unkonventionelle Buchvorstellung im Patagonia-Laden in München-Schwabing, das muss ich schon sagen. Als Michael Pröttel dann das Otto-Umlauft-Biwak und den Klagenfurter Jubiläumsweg in Wort und Bild vorstellte, fixierte sich mein Blick plötzlich auf die Leinwand, alles um mich herum war mit einem Schlag völlig ausgeblendet. In meinem Kopf entwickelte sich in den Folgetagen die Idee, diese Tour zu gehen – unbedingt. Und keine fünf Monate später steigen Christian – mit dem ich im vergangenen Jahr bereits den Geiselstein erobert hatte – und ich aus dem Postbus und stehen vor dem Glocknerhaus, dem Startpunkt des Klagenfurter Jubiläumsweges. Wir hatten im Frühjahr kurzer Hand unsere Pläne zur Besteigung des Zuckerhütls – dem höchsten Gipfel der Stubaier Alpen – umgeschmissen und werden nun die nächsten drei Tage diesen spannenden Höhenweg erobern. Am Tag der Anreise stellen wir mittags unser Auto am Zielpunkt unserer Tour, dem Parkplatz an der Handelsbrücke im Kleinfleißtal, ab. Von da geht es ca. 2 Kilometer zurück zur Hochalpenstraße an der Fleißkehre. An der Bushaltestelle, die ca. 250 Meter unterhalb der Kehre liegt, warten wir auf den Postbus 5002, der uns in 20 Minuten zum Glocknerhaus bringen wird.

goldberggruppe-klagenfurter-jubiläumsweg - Schutthalde

Mutet an wie eine Schutthalde, der Übergang zum Koben.

Nach einer angenehmen Nacht und einem guten Frühstück im Glocknerhaus, starten wir früh am Morgen an der Großglockner Hochalpenstraße die Tour. Unser erstes Etappenziel ist die Untere Pfandlscharte. Der Weg dorthin führt anfangs über die steilen Hangwiesen der Trögeralm. Nach und nach weicht der Grasbewuchs einer kargen Felslandschaft. Die Untere Pfandlscharte erreichen wir dann über einen Abstieg in einen Kessel, dem ein Gegenanstieg folgt. An der Scharte trennt sich der Klagenfurter Jubiläumsweg von der Großglocknerrunde, dem Rundwanderweg, der in sieben Tagen um den höchsten Berg Österreichs führt – dem 3.798 m hohen Großglockner. Der wurde übrigens am 28. Juli 1880 erstmals bestiegen – aber das nur am Rande. Unser Weg führt uns nun steil bergauf und über ein zwei Absätze auf den Gipfel des Spielmanns. Das erste Hochgefühl macht sich nach dem schweißtreibenden ersten Stück breit. Wir haben nicht nur den ersten 3.000er der Tour erklommen, wir haben auch einen fabelhaften Blick auf den Großglockner, der uns auch über die gesamte Tour begleiten wird. Vom Spielmann geht es weiter über eine Grat Richtung Osten. Hier treffen wir auf die ersten Versicherungen und leichten Kraxlpassagen. Der Klagenfurter Jubiläumsweg führt im weiteren Verlauf ab der Spielmannscharte an den beiden Gipfeln Kloben und Brennkogel eigentlich nur vorbei. Wir entscheiden uns aber, diese beiden Gipfel mitzunehmen. Diese unmarkierte und teils weglose Variante verlangt Kondition, Orientierung und Trittsicherheit ab, ist aber gut zu meistern.

Nach dem Kloben steigen wir nicht rechts ab, dem ausgewiesenen Weg folgend, sondern halten uns gerade aus, entlang des Kamms und steigen in grobem Gelände bergauf, bis wir ein vorgesetztes Plateau erreichen. Hier steigen wir in einen Sattel ab, der am Fuße des Brennkogels liegt. Der Gipfelanstieg erfolgt durch grobes Geröll auf den Brennkogel. Die Rucksäcke lassen wir dabei im Sattel zurück, denn nach dem Abstieg werden wir von hier Richtung Brettersee absteigen und wieder auf den ursprünglichen, markierten Klagenfurter Jubiläumsweg treffen. Vom Gipfel des Brennkogels haben wir einen Panoramablick auf den weitern Verlauf des Klagenfurter Jubiläumsweges, wie er sich vom Hochtor nach Osten bis zum Gipfel des Hocharn hinzieht. Dahinter spitzt der Hohe Sonnblick hervor, der sich heute allerdings meist in den Wolken versteckt.  Ein echt starkes Gefühl hier oben zu stehen und ein besonderes Gipfelkreuz: Gebetsfahnen und Rosenkränze zieren das Metallkreuz. Wir steigen nach einer Weile zurück zum Sattel und weiter durch ein Kar ab, passieren den Brettersee und den Bretterkopf, einen unscheinbarer Gipfel. Das letzte Stück bis zum Hochtor führt weit oberhalb der und parallel zur Hochalpenstraße, über einen steilen und steinigen Kamm. Der Steig zweigt in einer Einsattelung nach links in die Flanke des Großen Margötzenkopfs und führt durch ein wüstes Block- und Geröllfeld. Das strengt schon echt an. Aber das „Hopsen“ von Block zu Block, die ideale Linie findend, macht einfach Spaß! Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir dann endlich auch das Hochtor, lassen uns den Wind ein wenig um die Nase pfeifen und ich leere den Rest meiner Almdudlerflasche. Meine altgediente treue Trinkblase segnete am Morgen im Glocknerhaus das Zeitliche und so musste ich mich notgedrungen mit Plastikflaschen eindecken. Der Abstieg zum Wallackhaus an der Hochalpenstraße führt vom Hochtor parallel zur Straße ca. 250 HM bergab. So sitzen wir an diesem Nachmittag auf der Terrasse des Wallackhauses, zischen erst einen Almdudler g’spritzt und lassen uns danach Kaffee einen Apfelstrudel munden: glücklich und voller Eindrücke von diesem ersten Tag am Klagenfurter Jubiläumsweg.

Etappe 2 – Vom Wallackhaus zum Otto-Umlauft-Biwak

An diesem Morgen habe ich kaum Hunger und zwinge mir nach einem Müsli noch ein Ei runter. Kaffee geht aber immer am Morgen. Ein wenig spüre ich die Höhenmeter vom Vortag in den Beinen. Was mich mehr beschäftigt: Woher bekomme ich mehr Wasserflaschen. Drei Halbliterflaschen aus Plastik sind schon für einen Tag sehr wenig. Da wir aber heute im Otto-Umlauft-Biwak übernachten, benötigte ich einen Wasservorrat für zwei Tage. Da oben am Biwak gibt es kein Wasser. Einzige Chance wäre ein Schneefeld in der Nähe des Biwaks. Aber das ist Spekulation und darauf möchte ich mich nicht verlassen. Der Wirt vom Wallackhaus hat keine Plastikflaschen, nur welche aus Glas. Das bedeutet nur noch mehr Gewicht, zusätzlich zur Hochtourenausrüstung und dem Rest. Würde ich jetzt natürlich gerne vermeiden. Er hat dann noch einen Vorschlag: Mango-Molketrunk im Tetrapack. Besser als nichts, denk ich mir und so geh ich mit 1,5 Liter Wasser und 1 Liter Molketrunk los. Christian hat 3 Liter Wasser dabei, damit müssen wir auskommen. Es muss nur bis zur ersten Quelle im Abstieg des nächsten Tages reichen. Trotzdem beschäftigt mich mein Wasserproblem zwischendurch immer wieder.
Wir starten in den Tag und die 250 HM zum Hochtor, zurück auf den Klagenfurter Jubiläumsweg, sind schnell geschafft. Der Kiosk am Tunneleingang der Hochalpenstraße hat um diese Zeit noch nicht geöffnet. Mist, wäre noch eine Möglichkeit gewesen, eine PET-Wasserflasche zu ergattern. Nicht zu glauben, dass im ganzen Wallackhaus nichts dergleichen aufzutreiben war. „Wir sind auf Bergsteiger gar nicht so eingestellt.“, meinte der Wirt. Ja, glaub ich auch. Das Wallackhaus ist Österreichs höchstgelegenes 3-Sterne Gasthaus. Da besteht die Kundschaft zu 99% aus Übernachtungsgästen oder Tagesgästen, die mit dem Auto anreisen. Bergsteiger, die auf einer Mehrtagestour hier Stopp machen hat er maximal acht Stück im Jahr, meint er zu mir. Klar, den Klagenfurter Jubiläumsweg gehen wenige von Anfang bis Ende. Und wenn, dann machen das die top-konditionierten Bergsteiger in zwei Tagen. Da steigt keiner zum Wallackhaus ab.

goldberggruppe-klagenfurter-jubiläumsweg - Krumlkeesscharte

Abstieg vom Krumlkeeskopf zur Krumlkeesscharte.

Wir schon. Aber diese Gedanken verwerfe ich im Aufstieg vom Hochtor zum Tauernkopf. Von dem unscheinbaren Gipfel erstreckt sich eine Hochebene nach Osten hin. Wirklich beeindruckend! Es scheint mir so, als ob hier jeden Moment mongolische Nomaden in das Bild hineinziehen, ihre Zelte aufschlagen und ihre Herden zusammentreiben. Natürlich geschieht nichts von beidem. Ich sauge die Weite auf und tauche schließlich in diese Ebene ein. Christian ist mir bereits ein gutes Stück vorausmarschiert. Da sollte ich mich sputen. Der nächste Gipfel ist das Hintere Modereck. Ein lohnendes Ziel, das man leicht auch in einer Tagestour vom Parkplatz am Hochtor aus erwandern kann. Das hat auch eine achtköpfige Gruppe vor, die ein gutes Stück vor uns auf einem Kamm aufsteigt. Christian und mir kommt derselbe Gedanke: Was wenn die Gruppe heute auch das Otto-Umlauft-Biwak zum Ziel hat? Dann ist da gar kein Platz mehr für uns! Dass die Gruppe nur einen Tagesausflug zum Gipfel des Hinteren Moderecks macht und nicht wie wir entlang des Klagenfurter Jubiläumsweges läuft, erfahren wir allerdings von den netten Herrschaften, als wir sieh kurz vor dem Gipfel einholen. Eine gemischte Gruppe von Mittfünfziger schätze ich. Sie lassen uns beim Gipfelansteig den Vortritt, denn hier haben wir die erste wenn auch leichte Kletterpassage des Tages erreicht. Kurze Zeit später stehen wir alle am Gipfel oben, der eine absolut geniale Rundumsicht bietet. Nach einem Plausch und Gipfelschnapps, verabschiedet uns die Gruppe und wir wandern weiter, immer entlang des Kamms, der sich nach Osten bis zum Hocharn zieht. Der Klagenfurter Jubiläumsweg beginnt hier anspruchsvoller zu werden. Zwischen dem Hintern Modereck und dem Krumlkeeskopf sind einige versicherte Kletterstellen zu bewältigen, die meine ganze Konzentration beanspruchen. Eine regelrechte Abfolge von Überschreitungen oder Flankierungen am Grat, die entweder steil in die Tiefe führen, oder auf sehr schmalem Steig um eine Felsnase leiten. Und so bin ich heilfroh, als ich auf dem Krumlkeeskopf zu Christian aufschließe und wir in der Krumlkeesscharte, weit unten, das Otto-Umlauft-Biwak entdecken. Der Abstieg zum Biwak hält allerdings weitere Kletterpassagen bereit. Wir kommen erst direkt an der Biwakschachtel angelangt, zum Verschnaufen.

Es ist noch früh am Tag, 15:00 Uhr. Die Option bis zum Hohen Sonnblick weiterzugehen und im Zittelhaus zu übernachten, drängt sich förmlich auf. Für den nächsten Tag ist ab dem frühen Nachmittag Regen und Gewitter angesagt. Was also tun? Wir diskutieren unsere Möglichkeiten und entscheiden uns, im Biwak zu übernachten und am nächsten Tag die Tour fortzusetzen. Abhängig vom Wetter machen wir dabei, ob wir nach dem Goldzechkopf über den Gletscher zum Hohen Sonnblick aufsteigen, oder gleich absteigen. Nur heute werde ich es nicht mehr zum Zittelhaus schaffen. Dafür bin ich momentan einfach zu langsam und würde zu spät und im Dunklen dort ankommen. Der Klangenfurter Höhenweg hat es eben in sich. Wir verbringen die Zeit damit, im Schatten der Biwakschachtel aus den umherliegenden Brocken und Felsplatten ein Tischchen und zwei Sitze zu bauen. Wir prüfen unsere Hochtourenausrüstung, üben ein wenig, lesen im Biwakbuch und versuchen mittels Teelichter und einem Töpfchen, Wasser aufzukochen. Mit mittelmäßigem Erfolg bringt uns der Versuch warme Asianudeln und zweimal sehr warmen löslichen Kaffee ein. Ein wahrer Schmaus, wenn man sonst nicht viel hat, als Riegel und Landjäger. Achja: Schnee finden wir hier oben keinen. Soviel zur Wassergewinnung aus Altschnee. Der Molketrunk schmeckt süßlich und mit ein wenig Wasser gestreckt ist der schon trinkbar. Als es dunkel wird, richten wir uns im Biwak zum Schlafen ein. Wir Glückspilze haben das Otto-Umlauft-Biwak für uns alleine in dieser Nacht. Ich liege noch lange wach, blicke aus dem kleinen Fenster der Biwakschachtel, bis die Dämmerung alles verschlingt und lasse die starken Eindrücke der letzten beiden Tage noch mal an mir vorüberziehen. Irgendwann schlafe ich ein und wache erst mit dem Alarm des Handy-Weckers auf.

Etappe 3 – Der Abschied vom Klagenfurter Jubiläumsweg

Um 4:30 Uhr geht der Wecker von Christian los. Draußen ist es noch stockdunkel. Ich schäle mich aus dem Hüttenschlafsack-Decken-Haufen heraus, steige in meine Bergstiefel und geh mit der Stirnlampe im Anschlag vor das Biwak. Die Sterne glitzern zwischen wenigen Wolken hindurch. Das erhoffte Sternenfirmament mit Milchstraße kann ich allerdings nicht entdecken. Und so stehen wir bald zu zweit neben dem Otto-Umlauft-Biwak, zähneputzend und in die Dunkelheit starrend. Eine Stunde später sind wir bereits wieder auf dem Klagenfurter Jubiläumsweg unterwegs, haben den Gipfel der Arlthöhe bereits hinter uns gelassen und halten auf das Schneehorn zu. Zwei unscheinbare Gipfel, die nicht markiert sind und im Dunklen von uns gar nicht wahrgenommen werden. Die Stirnlampen leuchten uns den Weg und wir arbeiten uns langsam dem höchsten Punkt dieser Tour entgegen: dem Gipfel des Hocharns. Die erste Klettereinlage lässt auch nicht lange auf sich warten. Und so sehen wir uns bald exponierten und versicherten Passagen gegenüber, die uns dazu bewegen, uns mit Karabiner und Bandschlinge zu sichern. Während wir uns kletternd voran arbeiten, graut langsam der Morgen. Eine unbeschreibliche Szene: Im Osten, hinter dem Hocharn, glüht in kühlem Gemisch aus Rosa und Violett der Vorbote des Sonnenaufgangs, zu beiden Seiten von mir, ziehen sich Felsvorsprünge auseinander und unter mir ist scheinbar nichts. Nur Abgrund. Wir arbeiten uns über Felsvorsprüngen entlang des Grats und wieder auf dessen Krone hinauf. Für mich die atemberaubendste Passage der ganzen Tour, in dieser Morgenstimmung. Kurz nach 7:00 Uhr stehen wir dann auf dem Hocharn auf 3.254 m und blicken von oben auf den Grat, den wir eben heraufgeklettert sind. Der Blick schweift weiter bis weit in den Westen zum Großglockner, der uns einen guten Morgen zu wünschen scheint. Hier oben, um diese Zeit, ist es unbeschreiblich.

goldberggruppe-klagenfurter-jubilaeumsweg - Abstieg vom Hocharn

Abstieg vom Hocharn: Vor uns der dominante Hohe Sonnblick.

Die nächste Etappe führt uns erstmal bergab, Richtung Hoher Sonnblick. Der ist jetzt sehr dominant. Am 2. September 1886 wurde das höchstgelegene ganzjährig betriebene Observatorium der Welt eröffnet und das thront auf dem Hohen Sonnblick! Daneben schmiegt sich das Zittelhaus an den Gipfelfels, nur viel kleiner. Doch ob wir da heute hinkommen, wird sich noch zeigen. Zuvor müssen wir zum Gipfel des Goldzechkopfes. Den erreichen wir über einen Grat aus groben Geröll und Blockfelswerk. Nicht aber, ohne vorher von einem Absatz auf dem eine Steinsäule steht, herunter zu klettern. Die bisher schwierigste Stelle am Klagenfurter Jubiläumsweg: Exponiert, leichter Überhang und nicht versichert. Die folgende Gratüberschreitung kostet einiges an Zeit und je näher wir dem Gipfel des Goldzechkopfes kommen, desto höher türmt der sich vor uns auf. Ein Gipfel, als ob ein Riese große Felsbrocken, die für ihn nur wie Kiesel scheinen, aufgeschüttet hätte. Die Markierungen am Grat und am Gipfelaufbau sind gut. Am Gipfelaufbau selbst gibt es eingangs und im oberen Bereich Versicherungen. Der Aufstieg ist eine lange und luftige Kletterei. Aber halt auch sauspannend! Oben angekommen, erwartet uns ein Schlappschuh, der auf einer Stange am Gipfelstein aufgespiest ist. Das ist jetzt nicht das, was wird von so einem fordenden Gipfel erwärtet hätten: Ein einsamer Stoffschlappen, der müde abhängt als Gipfelkrone. Doch als unsere Blicke über das spektakulären Panorama schweifen, ist er einsame Schlappen schon fast vergessen. An seiner Südostseite zum Greifen nah, der Hohe Sonnblick und unterhalb der weite Kleinfleißkees Gletscher. Zeit für eine Pause und den letzten Schluck Wasser den ich noch habe.

Wir entscheiden uns nach dem Gipfelfoto dazu, den Abstieg anzugehen und damit gegen den Hohen Sonnblick. Um es noch vor dem Gewitter auf den letzten Gipfel und zum Auto zu schaffen, bin ich auch heute zu langsam. Den Hohen Sonnblick können wir auch ein andermal als Einzeltour machen. Mir ist das Risiko mit dem Wetterumschwung zu groß. So geht es vom Goldzechkopf abwärts, Richtung Gletscher. Dabei erwarten uns zwei Kletterpassagen in der Stufe II. Sehr gut versichert sind sie schon. Wir wählen dennoch wieder Karabiner und Bandschlinge zur Selbstsicherung. Die beiden Passagen haben es auch in sich und kaum am Gletscher angekommen, müssen wir uns auf einem schmalen Streifen aus Fels und Schnee die Steigeisen anziehen. Dann geht es auf den Schnee, auf das Eis, auf den Gletscher. Den müssen wir Richtung Süden queren und gelangen bald wieder auf eisfreien Fels. Am Rand des Gletschers fließt dessen Schmelzwasser ab, mit dem wir die leeren Flaschen füllen können. Der Geschmack ist recht eigen: Das Wasser schmeckt nach Schnee und Gestein. Aber es ist kalt und sehr belebend. Ich verbrauche fast alles bis wir am Alten Pocher – einem Alpengasthof im Kleinfleißtal – ankommen sind. Der Weg dahin führt über Geröllfelder, schmale und steile Steige, sowie über unwegsame Pfade durch schrofiges Gelände, gute 1.300 HM bergab. Den Klagenfurter Jubiläumsweg haben wir bereits oben am Gletscher verlassen. Im Abstieg kreuzen wir die Versorgungsstraße des Zirmsees mehrmals, bleiben aber auf dem Steig, der uns in direkter Linie ins Tal auf den Alpengasthof führt. Das ist kürzer, wenn auch anstrengender und steiler. Nach einer nicht enden wollenden Ewigkeit erreichen wir schließlich den Alten Pocher. Seine Vorboten sind Tagesausflügler, die auf den einfachen Wegen im Tal ein wenig bergauf und uns entgegen wandern. An dem Gasthof machen einen wohlverdienten Einkehrschwung: Almdudler g’spritzt ist dieser Tage scheinbar zum Lebenselixier geworden und eine ordentliche Portion Schnitzel mit Kartoffelsalat ruft die Lebensgeister zurück. Gestärkt gehen wir die letzten zwei Kilometer bergab und erreichen schließlich den Parkplatz an der Handelsbrücke, während der erste Regen einsetzt.

Zurückblickend war das mit Sicherheit mein alpines Highlight dieses Jahr, wenn nicht überhaupt. Mag es für die erfahrenen Hochalpinisten nett erscheinen, mich hat es an meine momentanen Grenzen gebracht und mit Stolz und Glück erfüllt, das Abenteuer Klagenfurter Jubiläumsweg bestanden zu haben. Anspruchsvoll, eindrucksstark und unvergleichbar – meine Beschreibung für diese Perle im Naturpark Hohe Tauern. Und ohne Christian, der seine hochalpine Erfahrung mit mir geteilt hat, wäre dieses geniale Abenteuer gar nicht erst zustanden gekommen: ein tolles Bergteam!

Hilfreiche Infos zur TourenPlanung

  • Anreise
    Wir sind über die Großglockner Hochalpenstraße bis zum Kleinfleißtal gefahren und dieselbse Route auch wieder zurück – spektakulär. Hier fällt jedoch Maut an. Der Parkplatz an der Handelsbrücke liegt allerdings nicht in der Mautzone. Somit mussten wir eigentlich nur für die beiden Tage Maut zahlen, an denen wir die Hochalpenstraße befahren hatten.
    Es empfiehlt sich hier allerdings ein 30-Tages-Ticket (54,- EUR) zu kaufen, da dies billiger als zwei einzelne Tagestickets (70,- EUR) ist. Wer im Wallackhaus übernachtet, erhält zur Buchungsbestätigung eine Ermäßigung für diese Maut: 4,- EUR für Autos, 3,- EUR für Motorräder.Alle Infos findet ihr auf der Website der Großglockner Hochalpenstraße: Preise, Öffnungszeiten und vieles mehr.
  • Postbus 5002
    Vom Parkplatz an der Handelsbrücke sind es ca. 2 km bis zur Bushaltestelle des Postbusses der Linie 5002. Von der Fleißkehre zum Glocknerhaus fährt man ca. 20 Minuten. Die Fahrt hat uns pro Kopf 7,60 EUR gekostet.
    Der Postbus fährt nur in der Zeit von Mitte Juni bis Mitte September. Seine Abfahrtszeiten sind zu beachten: 3x täglich Mo.-Fr. und an Sonn- und Feiertagen, 1x täglich Samstag.Die genauen Zeiten entnehmt ihr der Fahrplanauskunft.
  • Unterkünfte
    Wir haben die Tour in drei Tagen gemacht – mit drei Übernachtungen. Damit ist die Tour gut zu schaffen. Am Anreisetag haben wir uns im Glocknerhaus einquartiert. Eine noble DAV-Hütte möchte ich fast sagen.Am Ende des ersten Tourentages war unser Ziel das Wallackhaus. Es ist der höchstgelegene 3-Sterne-Gasthof Österreichs – tiptop und im Vergleich zum Glocknerhaus sogar ein wenig günstiger.Tag 2 auf dem Klagenfurter Jubiläumsweg übernachteten wir im Otto-Umlauft-Biwak. Es bietet Platz für 6 Personen. Zur Not vielleicht auch 8 Personen. Stockbetten mit Kissen und Decken sind vorhanden. Sonst ist dort eigentlich nichts vorhanden: Kein Wasser, keine Verpflegung. Höchstens das, was Vorgänger vielleicht zur freien Verwendung dagelassen haben. Also nehmt euch genug Wasser und Verpflegung mit. Am Türsturz innen befindet sich eine Geldkassette. Es wird um 5,- EUR Übernachtungsgeld gebeten, das dem Erhalt und der Ausstattung dient.
    Vom Otto-Umlauft-Biwak ist es möglich, vom Klagenfurter Jubiläumsweg abzusteigen. Der Ausstieg führt nach Süden, durch ein langes Kar bis ins Kleinfleißtal, nahe der Handelsbrücke.
  • Ausrüstung
    Generell ist die Hochtourenausrüstung zu empfehlen. Gletscherberührung gibt es zwar nur noch am Kleinfleißkees unter dem Hohen Sonnblick. Allerdings kann es je nach Jahreszeit zu Querung von Schneefeldern kommen. Der Klettergurt und zumindest die Selbstsicherung per Bandschlinge und Karabiner ist an manchen der Kletterstellen sicher empfehlenswert.
    Info zur Tourenausrüstung im Gebirge und Schwierigkeitsgraden findet ihr auf der Seite der DAV Sektion Alpen.Net.
    Teleskopstöcke haben uns unglaublich gute Dienste erwiesen. Sind allerdings nicht immer einfach zu handhaben in den groben Geröllfeldern.
    Verpflegung: Nehmt ausreichend Wasser mit auf die Tour, da es am Klagenfurter Jubiläumsweg nicht viele Möglichkeiten gibt, aufzufüllen. In den hohen Lagen gibt es keine Quellen. Falls Schneefelder ohne Gefahren erreichbar sind, könnt ihr diese zur Wassergewinnung nutzen. Gilt insbesondere am Biwak.

 

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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

7 Kommentare

  1. Corinna Outdoormädchen Antwort

    Oh wie genial diese Tour klingt! Und ihr habt gut daran getan, in der Biwakschachtel zu übernachten. Die Morgenstimmung dort oben und dann die Kraxelei klingt nach nem wahren Träumchen!
    Gut dass ihr euch immer für die sicherere Wegvariante entschieden habt und nicht auf Biegen und Brechen noch Gipfel xy mitgenommen habt!

    Die Tour steht definitiv jetzt auf meiner Bucket-List!
    Danke für den spannenden Bericht und die megaschönen Fotos!!!

    Lieben Gruß, gdgna,
    Corinna

  2. Alex Antwort

    Hey!
    Ja, das ist eine absolute Traumtour in der Nachbarschaft des Großglockners!
    Dafür hatte ich den perfekten Bergpartner dabei und wir hatten da auch immer die gleiche Wellenlänge bzgl. wichtiger Entscheidungen.

    Der Klagenfurter Jubiläumsweg ist auch wenig begangen, so dass wir die meiste Zeit mit der Natur und dem Pornorama allein waren. 😉
    Setz das auf Deine Liste! Wenn’s soweit ist, meld Dich, wenn Du Fragen hast.

    cheers und gdgna,
    Alex

  3. Luisa Antwort

    Sehr toll, wie ausführlich die Berichte sind. Die wunderbaren Fotos runden die Erfahrungen grandios ab 🙂 Gratulation!

  4. Desiree Antwort

    Ein wirklich toller Bericht mit vielen Fotos. Ich wandere ja auch sehr gerne und war dieses Jahr in Kärnten im Urlaub zum wandern. So eine Tour würde ich mir aber nicht zutrauen. Den Mittagskogel, der von unserer Pension aus direkt zu sehen war, war von der entfernung auch schön genug 🙂

    1. Alex

      Hallo Desiree,
      in dieser Region kannst Du auch mit Auto anreisen und kleine, leichte Touren machen. Ist alles geboten!

  5. Pingback: Jahresrückblick: Weitwandern 2016 » gipfelrast.at

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