Bergtour

Überschreitung der Vilsergruppe: Brentenjoch und Gamskopf

Die Zunge hängt mir bis zum Boden. Ich muss echt völlig verrückt sein. Auf was hab ich mich da wieder eingelassen? Hätte ich Trailrunner werden wollen, dann hätte ich mir damals keine Bergstiefel von Hanwag geholt, sondern belastbare Laufschuhe! Und wieso nervt mich mein innerer Schweinehund heute besonders? Naja, vielleicht ist die Sicht ja besser, bis ich oben bin, am Gipfelkreuz. Meine Begleiter sind schon oben. Hinter mir taucht ein einzelner Wanderer auf. Den hab ich doch vorher erst überholt. Mein Gott, heut läuft’s irgendwie nicht. Aber der hinter mir wird nicht vor mir am Gipfel ankommen. Also Zähne zusammenbeißen und weiter!

Die Tour im Überblick

Tourensteckbrief:

  • Charakter: Anspruchsvolles Bergwandern (T3)
  • Anforderungen: Gute Kondition, Orientierung, Trittsicherheit, Alpine Erfahrung
  • Start/Ziel: Sonnenbergbahn Grän Talstation/Wanderparkplatz Vils
  • Distanz: 14 km • Gehzeit: 4,5 h
  • Höhenmeter: ↑ 1.065 m •  1.385 m
  • Einkehr: Vilser Alpe

Etappen (Gehzeit kumuliert):

  • Füssener Jöchl  (1:30 h)
  • Gamskopf (1:40 h)
  • Vilser Jöchle (2:15 h)
  • Brentenjoch (3:00 h)
  • Vilser Alpe (4:00 h)
  • Vils/Steinburch (4:30 h)
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Achso, 500 HM/h … naja, dann …

Brentenjoch_Tannheimer-Berge-26

Entlang der Füssener Jöchl Bahn

Vor mir liegen die letzten hundert Höhenmeter zum Gipfel des Brentenjochs. Wir sind von der Talstation der Sonnenbergbahn von Grän aus gestartet. Schon auf der ersten Etappe habe ich das Gefühl, dass wir vor irgendetwas flüchten. Ich bin mit einem Kollegen und seiner Frau in den Allgäuer Alpen unterwegs. Genauer gesagt überschreiten wir heute die Vilser Gruppe von Grän nach Vils. Zum Glück mach ich ja meine Fotopausen zwischendrin, um ein paar schöne Schnappschüsse zu machen. Nur hab ich das Gefühl, dass ich nicht richtig im Training bin. Die letzten Wochen habe ich Höhenmeter nur auf der Leiter während meines Umzugs gemacht.

Mit Ziel Brentenjoch nehmen wir die Route über die Piste Richtung Füssner Jöchle. Die ist jetzt nicht spannend, aber ordentlich steil. Andreas prüft zwischendrin immer mal wieder sein GPS Gerät. Irgendwann meint er, wir wären zu schnell. Ach ne, denk ich mir und hechel hinterher. Beim nächsten prüfenden Blick meint er dann, dass wir einen Schnitt von 500 HM/h gehen und dass es schon bisserl schnell wäre. Er grinst und „rennt“ weiter. Achso, 500 HM/h. Naja, dann wird mir einiges klar. Ich bin beruhigt. Bin doch im Training, nur mein Schnitt liegt immer so bei 400 HM/h. Also, weiterschnaufen und rauf.

Kissing Gate

Der letzten Anstieg zum Füssner Jöchle ist noch mal steil und führt an der Seilbahn entlang. Das Brentenjoch sehen wir zwar noch nicht, als wir am Jöchle oben ankommen, dafür baut ein älterer Herr ein Tischchen auf und legt ein Tuch und ein paar Dosen darauf. Will der hier oben Cremes verkaufen? Eine Gruppe Rentner tummelt sich bereits vor dem Tisch. Ah ich hab’s, das wird eine Bergmesse. Wir gehen in Richtung Gamskopf weiter. Heute ist es wolkenverhangen, aber ich sag Euch, es ist sehr stimmungsvoll, auch wenn es keinen strahlend blauen Himmel hat.

Am Gamskopf angekommen überrascht uns ein gemütliches Gipfelkreuz mit Bänkchen und einem Informator, der zur Gipfelbestimmung dient. Was für ein Name: Informator. Ich schweife kurz mit meinen Gedanken ab zu Star Wars. Ne, da hieß es ja Imperator, oder?

Brentenjoch_Tannheimer-Berge-31

Gamskopf, Haller & Scharfschrofen

Da der Gipfel aber in Reichweite der Bergstation liegt, drängen immer mehr Wanderer herrüber und motivieren uns zum Weitergehen. Andreas‘ Frau ist eh schon ein Stück weiter Richtung Sefensattel. Danach geht es bergab, auf die Sebenalpe zu. Am Sattel müssen wir allerdings erst durch ein Drehkreuz. Das erwartet uns auch auf dem Vilser Jöchle. Die Art eben, die einem den Durchlass durch einen Weidezaun ermöglicht. Ich sage dazu immer „Kissing Gate“. Der Mann geht zu erst durch. Dann die Frau. Allerdings hält der Mann den Durchgang versperrt. Die Frau kann sich den Weg durch einen Kuss freikaufen. Andreas hat’s verstanden und Sabine muss bezahlen.

Auf zum Brentenjoch

Beim Abstieg haben wir einen guten Blick auf den Aggenstein und die Bad Kissinger Hütte, eingerahmt in Wolkenfetzen. Und dann, kurz vor der Sebenalpe sehe ich endlich das Brentenjoch. Ein weitläufiger und freiliegender Gipfel. Da geht’s noch mal ordentlich bergauf. Um so besser, dass wir dann auf dem Vilser Jöchle erstmal eine Pause einlegen und uns stärken. Danach geht es zackig bergauf. Und immer wieder bietet sich uns ein wundervoller Ausblick. Auf der Tour kann man vom Tannheimer Tal, zum Einstein und dann Richtung Norden, am Aggenstein vorbei und weit hinter Pfronten und den Falkenstein und rüber nach Vils blicken.

Also irgendwie ich weiss auch nicht, ich glaube Andreas macht das mit Absicht. Er grinst mich an und meint, wir sind schon wieder so schnell unterwegs. Ich kann schon kaum mehr antworten, weil meine Zunge über den Boden schleift und ich die so schnell gar nicht eingerollt bekomme. Auf den letzten hundert Höhenmetern zum Brentenjoch, zum Gipfel, lass ich mich zurückfallen und schieße ein paar Fotos. Wenn ich die Kamera jetzt wegpacke und die Teleskopstöcke nehmen würde, dann täte ich mich viel leichter bergauf. Aber irgendwie kann ich das nicht. Ich könnte ja versäumen, ein wirklich gutes Motiv zu knipsen. Also plage ich mich bergauf und hab echt kein Bock mehr. Heute läuft’s irgendwie nicht. Und der grauhaarige Wanderer in Schwarz wird mich am Ende noch vor dem Gipfel überholen. Das geht ja gar nicht. Da hab ich auch meinen Stolz. Also weiter und bisserl die Zähne zusammenbeißen: ohne Stöcke im Anschlag.

Kaiserschmarrn gut, alles gut

Brentenjoch_Tannheimer-Berge-5

Da ist sie: die Vilser Alpe

Auf dem Brentenjoch kann man es sehr gut aushalten. Einen Abstecher rüber zum felsigen Rossberg lassen wir aber bleiben, da immer wieder Wolkenfetzen die Sicht verschlechtern. Wir essen ein wenig, genießen den weiten Blick und das stimmungsvolle Panorama. Unterhalten uns mit dem grauhaarigen Wanderer, bevor wir wieder zurück zum Vilser Jöchle absteigen. Allerdings habe ich jetzt die Teleskopstöcke im Einsatz. Das ist beim Abstieg auch gut so.

Unser nächstes Ziel ist die Vilser Alpe. Genauer gesagt, die Vilser Hütte. Ich träume von Kaiserschmarrn. Und wenn man so vor sich hin träumt, vergeht auch ein Abstieg recht schnell. Das letzte Stück vor der Vilser Alpe führt über eine Forststraße. Damit ist es ein einfacher Rückweg. Wir blicken noch mal zurück auf das Brentenjoch. Kurze Zeit später sitzen wir vor einer guten Portion Kaiserschmarrn mit Apfelmus: traumhaft. Nach der Stärkung geht es Richtung Vils. Wir blicken zur Ruine Vils rüber und können auch vor uns den Falkenstein, die höchstgelegene Burg Deutschlands, sehen. Kurze Zeit später erreichen wir den Wanderparkplatz am Steinburch. Da steht mein Auto und unsere Wanderung neigt sich damit dem Ende.

Die Überschreitung der Vilser Gruppe ist eine traumhafte Tour und mit Andreas und Sabine wurde es zu einer super Trainings-Einheit. Diese Tour ist keine Rundtour. Wir haben ein Auto am Zielpunkt abgestellt und sind dann zum Startpunkt gefahren. Die Idee macht sich am Ende der Tour bezahlt, wenn man einfach nur müde ist und jede Art von Bequemlichkeit zu schätzen weiss.

Alle Bilder zur Tour

 

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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

3 Kommentare

  1. Christian Antwort

    Hi Alex,

    ein toller Bericht und generell will ich Dir gerne mal ein Lob für diese tolle Seite aussprechen.
    Vor allem die interaktive Karte gefällt mir sehr gut…mal was anderes ;)!

    Gruß,
    Chris

  2. Pingback: Hier sind die schönsten Leserfotos aus 2013 | WandernBonn.de

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