Im Schatten des Brünstlkopfs – Römer, Bajuwaren und Hexen im Werdenfelser Land

Diese ausgedehnte Bergtour im Werdenfelser Land führt uns von Farchant im Loisachtal, hinauf zum Gießenbachsattel und von dort über eine fünfköpfige Gipfelkette bis zur Enningalm. Eine Bergtour, intensiv an Höhenmeter und Distanz, die neben dem wunderschönen Gipfelpanorama des Ammergebirges auch relativ einfachen Pfaden und Steigen bietet. Dennoch verlangt diese Tour einiges an Kondition und Fleiß ab.  Die Gipfelkette liegt inmitten der Kramergruppe im Werdenfelser Land und gleicht dem Rücken eines schlafenden Drachen. Die fünf Gipfel die wir heute erklimmen sind das Brünstlkreuz, der Brünstlkopf, der Zunderkopf, gefolgt vom Vordern Felderkopf und dem Felderkopf. Der Rückweg führt uns über 10 Kilometer entlang des Lahnenwiesgrabens, vorbei am Königsstand und über die Reschbergwiesen zurück nach Farchant.

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Tourensteckbrief

  • Charakter:
    Bergwandern (T2)
  • Anforderung:
    Kondition, Trittsicherheit
  • Start/Ziel:
    Wanderparkplatz Farachant, am Spielleitenweg
  • Distanz: 21 km
  • Reine Gehzeit: 6:30 h
  • Höhenmeter: ↑ 1.500  m • ↓ 1.500  m
  • Einkehr/Übernachtung:
    Enningalm

Etappen & Gehzeiten

  • Gießenbachsattel (1:20 h)
  • Gipfel Brünstelkreuz (2:00 h)
  • Gipfel Brünstelkopf (2:15 h)
  • Gipfel Zunderkopf (2:50 h)
  • Gipfel Vorderer Felderkopf (3:00 h)
  • Gipfel Felderkopf (3:15 h)
  • Enning Alm (3:50 h)
  • Reschbergwiesen (5:45 h)
  • Farchant Parkplatz (6:30 h)

Römer und Bajuwaren im Werdenfelser Land

Wir starten an diesem Frühlingsmorgen vom Parkplatz am westlichen Ortsrand – nahe der Kirche – in Farchant. Dort befindet sich in unmittelbarer Nähe ein sehr schöner Spielplatz, den wir passieren und im ersten Anstieg des Tages auch halb umrunden. Es handelt sich um denselben Ausgangspunkt wie bei der Burgentour zur Ruine Werdenfels. Farchant stellt einen guten Ausgangspunkt für viele schöne Touren im Werdenfelser Land dar. Der Ort selbst ist sogar wesentlich älter als die Landeshauptstadt München. Bereits in der Bronzezeit um 1.200 v. Chr. zogen Bernsteinhändler durch das Loisachtal. Sie kamen vom Ostseeraum und legten ihre Händlerpfade, Sumpf und Urwald zum Trotz, nach Süden an. Später, um 200 n. Chr., marschierten römische Truppen des Kaisers Septimius Severus durch das Loisachtal. Der Kaiser ließ den bisher anspruchsvollen Händlerpfad kurzer Hand zur Römerstraße ausbauen: die Via Raetia. Sie verband Verona und Augsburg und verlief entlang der heutigen Wegpunkte Sterzing, Brenner, Innsbruck, Mittenwald und Garmisch, über Epfach (nähe Landsberg) nach Augsburg. Das Loisachtal war schon seit eh und je beliebt, scheint es. Nachdem die Römer von der Bühne der Weltgeschichte verschwanden, hielten die Bajuwaren Einzug in das heutige Werdenfelser Land – so um 600 herum. Sie gründeten Farchant und Garmisch. Damals hießen diese allerdings Forahaida (womöglich Föhrenheide) und Germarsgau. Aber damit noch nicht genug: Um 750 kamen sie auch aus Irland und Schottland ins Werdenfelser Land. Diesmal waren es Mönche und so wurde dieser Landstrich christianisiert. Farchant wird das erste mal in einer Urkunde von 807 erwähnt, als sich der Freisinger Bischof mit einem Grafen aus dem Oberinntal um den Besitz an der Region stritt.

Blick vom Gipfel ins Loisachtal und ins Karwendel und Wettersteingebirge. | Brünstlkopf - Werdenfelser Land

Blick vom Gipfel ins Loisachtal und ins Karwendel und Wettersteingebirge.

Wir gewinnen an Höhe, kreuzen in ein paar Serpentinen Schliffspuren des ehemaligen Isar-Loisach-Gletschers. Ein Abstecher zur Spielleitquelle ist auch noch drin. Wer will, kann hier seinen Wasservorrat aufbessern und ein Unterstand mit Tisch und Bänken steht auch an der Quelle. Nach gut einer Stunde erreichen wir den Gießenbachsattel. Hier könnte man die Tour um einen weiteren Gipfel ergänzen: der Schafkopf – 1.380 m. An der Wegkreuzung nehmen wir den Pfad Richtung Brünstlkreuz und kehren damit dem Schafkopf den Rücken zu. Der Pfad führt durch den Hangwald stetig aber entspannt bergauf. Wir passieren eine Quelle, die auf einem Holzschild als “Letzte Quelle vor dem Gipfel” ausgewiesen wird. Unsere Trinkblasen sind allerdings noch gut gefüllt. Wir gehen zielstrebig weiter und nachdem wir zwei Stunden gegangen sind, stehen wir am Brünstlkreuz (auch Vorderer Brünstlkopf), einem Vorgipfel des Brünstlkopfes. Der Blick hinein ins Werdenfelser Land – hinab nach Garmisch und hinüber ins Wettersteingebirge – ist fast schon spektakulär. Das liegt sicher an dem wolkenverhangenen Himmel. Berggipfel des Wettersteingebirges halten Wolkenfetzen fest in ihrem Griff. Fast hat es den Anschein, als ob diese, Felsgipfel und Wolken, gleich Gladiatoren in grimmigem Ringen um ihre Freiheit kämpfen. Zu unserer Überraschung steht einen Steinwurf unterhalb des Gipfelkreuzes eine Bank. Die Einladung nehmen wir sofort an und machen ein kleines Picknick. Fühlen uns vielleicht ein wenig wie Zuschauer in einer Gladiatorenarena, so wild geht es beim Kampf der Gipfel und Wolken über dem Werdenfelser Land zu.

Hexenwahn im Werdenfelser Land

Gestärk packen wir wieder zusammen. Der spärliche Sonnenschein weicht einem leichten Nieselregen. Wir gehen hinauf zum Gipfelkreuz und nehmen uns noch einen Moment Zeit, um das Panorama, das uns umgibt, auf uns wirken zu lassen. Die Zugspitze ist recht dominant, auch wenn sie von Wolken umschleiert da steht. Unter uns liegt Garmisch-Partenkirchen. Die Skischanzen sind ein markantes Merkmal der Gemeinde. Überhaupt ist Garmisch und Umgebung permanentes Ziel der Urlauber und Wochenendausflügler. Blühender Sommer- und Wintersport-Tourismus. Aber Garmisch hat auch schon ganz andere Zeiten erlebt. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Werdenfelser Landes gibt es zu erzählen. Die Grafschaft Werdenfels war im Besitz des Hochstifts zu Freising. Belegt ist dies in einer Grenzschrift aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Das Gebiet der Grafschaft Werdenfels umfasste in etwa den südlichen Teil des heutigen Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Die Grenzen reichten vom Walchensee bis zum Sylvensteinsee und weiter nach Seefeld. Von Eschenlohe zum Plansee, bis ins Zugspitzmassiv und ins Leutaschtal. Alpine Grenzen waren im Süden das Wettersteinmassiv, im Osten das Karwendel. Garmisch kam gegen Ende des 16. Jahrhunderts das traurige Los zu, an mehreren Malefizrechtstagen Richtplatz für Hexenprozesse zu sein. In den Jahren 1589 bis 1591 wurden 127 Menschen beschuldigt und es starben insgesamt 51 davon. 50 Frauen wurden peinlich befragt. 48 wurde der Prozess gemacht und sie wurden zum Tode verurteilt. Zwei Frauen starben während ihrer Haft, wobei eine davon den Freitod wählte. Und auch ein Mann ward beschuldigt und hingerichtet. Die Bilanz des Hexenwahns im Werdenfelser Land. Wie kam es dazu? Eine lange Leidenszeit ging den Prozessen voraus: Die Pest und andere Krankheiten hatten die verarmte Bevölkerung arg bebeutelt. Missernten und Tiersterben bedrohten die Versorgung. Die Bevölkerung war aufgebracht und der neue Pfleger der Grafschaft Werdenfels war empfänglich dafür, die Sündenböcke im Hexentum zu suchen.

Gipfelpanorama vom Vorderen Felderkopf: Mit dem Friederberg links daneben und Blick zum Kienjoch rechts. | Brünstlkopf - Werdenfelser Land

Gipfelpanorama vom Vorderen Felderkopf: Mit dem Friederberg links daneben und Blick zum Kienjoch rechts.

Kaum vorstellbar in der heutigen Zeit. Frauen aus Garmisch, Mittenwald, Partenkirchen, Farchant und Wamberg wurden gefoltert, verurteilt und bevor man sie verbrannte erdrosselt. Für uns zum Glück aber eine über 400 jährige Vergangenheit in unserer aufgeklärten Gesellschaft. Wir können unbeschwert weiterwandern, nämlich zum höchsten Punkt des Brünstlkopfes. Der Hauptgipfel trägt allerdings kein Gipfelkreuz. Da stecken wir kurzer Hand unsere Teleskopstöcke zu einem solchen zusammen. Ein Gipfelzeichen muss einfach sein! Und im Angesicht der Notkarspitze steht es für kurze Zeit frei auf dem Gipfel. Durch ein skurriles Gatter und eine Latschengasse hindurch, geht es weiter nach Westen, zum Zunderkopf. Das dauert nicht lange. Überhaupt, wenn ich erst mal den ersten Gipfel einer Gipfelkette erklommen habe, geht es fast wie von allein, von Gipfel zu Gipfel zu hoppen. Das macht richtig Spaß und gibt immer einen Kick. Der Pfad ist einfach und mir scheint es zwischendurch, als ob wir über den Rücken eines schlafenden Drachen wandern – Höcker für Höcker. Auch am Zunderkopf gibt es kein Gipfelkreuz, aber eine Aussichts- und Fotopause. Dann tauchen wir wieder hinab, in den Abstieg und zum Gegenanstieg auf den Vorderen Felderkopf. Der stellt mit 1.928 m den höchsten Punkt dieser Tour dar und es gibt ein Gipfelkreuz, das auf einem Sockel steht. Auf diesem sitzen wir recht gut, während wir eine zweite Brotzeit einlegen. Und die schmeckt uns hier oben besonders gut, bevor es an den Abstieg geht.

Der lange Rückweg durch den Lahnenwiesgraben

Vom Vorderen Felderkopf hat man schon einen Blick hinab ins Werdenfelser Land  und nach Westen auf den Felderkopf. Eine weite Hangwiese, die nach Norden hin in einer Latschen bestandenen Felswand steil abfällt. Der Felderkopf trägt einen Stacheldrahtzaun als Krone auf seinem Haupt. Die Almbauern wollen nicht ihre Kühe an den nördlichen Felssturz verlieren, denn die Alm ist den Sommer über Weideland für oberbayrische Kühe aus dem Umland. Weiter unten steht die Enningalmhütte. Sie ist nur zum Viehbetrieb über die Sommermonate bewirtschaftet. So bald der Schnee die Hänge frei gibt und das Gras steht, kommen die Kühe und beginnen zu grasen. Der Josef Mayr, seines Zeichens Wirt vom Gasthaus in Hohenkasten im Fünfseenland weiß zu erzählen, dass es ein jedes Jahr gleich abläuft. Die Kühe, darunter auch die seinen, werden hinaus nach Garmisch gebracht, eingesammelt und hinauf zur Enningalm getrieben. Ihr Aufstieg kann sich da schon einige Tage und Wochen hinziehen, bevor sie den Felderkopf erreichen. Wenn der Schnee die Almwiesen frei gibt, steigen Sie weiter auf. Bleiben so lange auf gleicher Höhe und grasen, bis der Schnee wieder weitere Höhenmeter freigeben musste. So kann es halt sein, dass die Kühe mal früher, mal später im Jahr den Gipfel erreichen. Eben so wie der Schnee sich zurückzieht. Wir treffen auf die Enningalmhütte Mitte Mai und sie hat noch geschlossen. Kühe sind noch keine da. Nur zwei drei Biker, auf die man jetzt erst trifft. Ab der Enningalmhütte beginnt ein kleines Netz an Forststraßen, die bei Bikern recht beliebt sind. Von der Hütte könnten wir gleich durchstarten und auf den Kramer steigen. Oder aber – und so machen wir das auch – nach Osten, hinab in den ewig lang wirkenden Lahnenwiesengraben.

Die Reschbergwiesen beginnen. Es geht endlich gemütlich dahin. | Brünstlkopf - Werdenfelser Land

Die Reschbergwiesen beginnen. Es geht endlich gemütlich dahin.

Für unseren Rückweg wählen wir der Einfachheit halber die Forststraßen. Wer aber auf einen Pfad in den Lahnenwiesengraben abzweigt, hat die Möglichkeit dort unten mit viel Glück auf Fossilien im Werdenfelser Land zu stoßen. Ehrlich gesagt ist mir das zu dem Zeitpunkt regelrecht Wurscht! “Bind’s mir auf den Bauch, die Fossilien: Mir san’s einfach Wurscht!” Weil ich grade müde werde und wir noch um die sieben Kilometer vor uns haben. Das Gute dabei ist aber, dass ich Antje dabei habe. Bergfex und ausdauernde Begleitung auf vielen spannenden Touren wie zum Beispiel auf der Drei-Tages-Tour über den Saykogel im Ötztal. Und daher weiß ich: Wenn’s mal ned so rund läuft, lenkt sie mich mit einer bunten Themenauswahl ab und so quatschen wir uns einfach Kilometer für Kilometer dem Ziel entgegen. So erreichen wir schließlich die Reschbergwiesen und haben einen fabelhaften Blick auf die Seleswände und den Königsstand darüber. Der felsige Nebengipfel des Kramers – oder eben der Kramerspitze. Von da an läuft es wieder wie geschmiert. Hier unten war ich schon etliche Male unterwegs. Vorbei am Pflegersee zur Burgruine Werdenfels. Aber die Runde drehen wir nicht mehr, sondern kürzen ab. Umrunden den Grubenkopf an dessen Westflanke und treffen im Abstieg wieder ins Loisachtal, bei Burgrain. Von dort geht es entlang des Waldsaums zurück nach Farchant. Wir treffen am Ende wieder auf den Spielplatz und gleich darauf auf den Parkplatz. Mit müden Beinen und Füßen lassen wir uns in den Kofferraum plumpsen, freuen uns über nackte Füße ohne Bergstiefel und über diese spitzenmäßige Tour im Werdenfelser Land!

Bilder zur Tour

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Blick von der Bauernwand zur Scheibenwand (li.) und zur Kampenwand (re.). | Bauernwand & Sonnwendwand im Chiemgau
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Erster Blick auf den Geiselsteingipfel. | Geiselstein - Ammergauer Alpen
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