Halden im Ruhrgebiet – das künstliche Mittelgebirge

Halden im Ruhrgebiet, also Bergehalden, haben nichts mit Bergen zu tun. Der Bergmann nennt das zu Tage geförderte Gestein: taubes Gestein. Den Haufen des Gesteins nennt er Halde, oder eben Bergehalde. In den frühen Jahren des Bergbaus wuchsen diese Halden zuerst mäßig. Mit dem Einsatz von Maschinen stieg die Fördermenge und damit auch das taube Gestein drastisch an – etwa ab den 1920er. Es war nun nicht mehr möglich, den Abraum – so wird das taube Gestein auch genannt – “unauffällig” in der Landschaft zu verteilen …

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Tourensteckbrief

  • Charakter:
    Wandern (T1)
  • Anforderung:
    Kondition
  • Start/Ziel:
    Parkplatz: Am Schellenberg
  • Distanz: 13 km
  • Reine Gehzeit: 3:30 h
  • Höhenmeter: ↑ 275 m • ↓ 275 m
  • Einkehr/Übernachtung:
    In Castrop-Rauxel möglich.

Etappen & Gehzeiten

  • Halde Schwerin (1:00 h)
  • Förderturm Zeche Erin – Schacht 7 (2:00 h)
  • Parkplatz (3:30 h)

Sehenswürdigkeiten

Haus Goldschmieding

Die Entstehung der Halden

Das Problem der Halden: Haldenbrände. Verbliebene Restkohle konnte sich entzünden, da die Halden sehr luftdurchlässig aufgeschüttet waren. Das tat die Restkohle auch immer wieder und gefährdete Gesundheit und Umwelt nachhaltig. Die Spitzkegelhalden wurden daher nach und nach wieder abgetragen oder in sog. Tafelberge umgestaltet. Damit wurde der Abraum verdichtet und die Brandgefahr deutlich verringert, wenn auch nicht ausgeschaltet. Heute gibt es noch Tafelberge im Ruhrgebiet, die teils Temparaturen > 500 °C im Inneren aufweisen. Diese neue Haldenart hatte im Laufe der Zeit eine große Population an den Tag gelegt: die Halden im Ruhrgebiet vermehrten sich stetig.

Politik und Bevölkerung realisierten, dass die Halden im Ruhrgebiet ein unbefristetes Dasein angetreten hatten. Das wiederum rief die Ästheten auf den Plan: Wenn schon über all diese Haufen zu sehen sein müssen, dann bitte aber auch attraktiv, vorzeigbar und am besten mit Naherholungsfaktor. So wurde ab 1980 an Vorschriften gearbeitet, die das Anlegen der Halden im Ruhrgebiet nachhaltig veränderten. Fortan sprach man von Landschaftsbauwerken. Heute existieren mehr als 70 dieser Halden im Ruhrgebiet und mehr als die Hälfte kann man besteigen. Die Gestaltung ihrer Gipfel ist so vielfältig und spannend, genau wie die Ausblicke, die sich den Gipfelstürmern offenbaren. Denn letztlich sind die Halden im Ruhrgebiet das größte künstliche Mittelgebirge Europas!

Der Hammerkopfturm über dem Wetterschacht 3 der Zeche Erin. | Halden im Ruhrgebiet

Der Hammerkopfturm über dem Wetterschacht 3 der Zeche Erin.

Halden im Ruhrgebiet – Die Halde Schwerin

Wir wandern also heute im Land der Halden. Die Halde Schwerin ist unser erstes Ziel. Wir, das sind Jens von Hiking-Blog.de, Sebastian von Spielfritte.de und Marcus von WorldOfBattlelore.de und der Luftschubser. Vier Blogger zwei Genres: Outdoor und Gesellschaftsspiele. Passt das zusammen? Ja, klar Mann! Dazu muss ich sagen: Ich komme ursprünglich aus der Spielebloggerszene. Und so treffe ich mich immer wieder gerne mit meinen (Blogger-)Freunden. Heute hat uns Jens zu einer Haldentour eingeladen: Haldenhiker unterwegs könnte das Motto sein. Wir starten in Castrop-Rauxel am Parkplatz neben dem Hotel Arcadia. Herrliches Herbstwetter mit Sonne, weiß-blauem Himmel und buntem Laub an den Bäumen. Wir passieren den Hotelkomplex und treffen auf das Haus Goldschmieding. Dieser Adelssitz der Herren von Goldschmieding hat seinen Ursprung im 13. Jahrhundert. Und wenn heute von der Hauptanlage mit Vorburg nichts mehr zu sehen ist, liegt es auch daran, dass zwischen 1583 und 1597 das Haupthaus einem neuen Renaissancebau weichen musste. Ein Teil davon ist heute sichtbar gut erhalten.

Wir ziehen unsere Bahnen durch den sog. Schlosspark und treffen nach einem Waldstück, das wir auf einem waldbodenweichen Pfad durchqueren, auf urbane Strukturen und den Hammerkopfturm. Er gehört zur Zeche Erin und sitzt auf dem Schacht 3: ein Wetterschacht. Die Kohleförderung der Zeche Erin begann 1867. Erin leitet sich vom gälischen Namen Eire ab. Gründer und Namensgeber der Zeche war der irische Bergbauunternehmer William Thomas Mulvany. Von dem imposanten Turm aus rotem Backstein geht es weiter durch ein Waldstück und entlang des Deininghauser Baches. Wir sind grade gute 2 km gelaufen, als wir nach rechts in einem spitzen Winkel auf die Halde Schwerin zuhalten.  Die erreichen wir nach knapp 4 km, in einem sanften Anstieg und immer unter dem Blätterdach des Laubwaldes, der die Halde einsäumt.

Abstieg von der Halde Schwerin: Es wird noch schnell ein Foto geschossen. | Halden im Ruhrgebiet

Abstieg von der Halde Schwerin: Es wird noch schnell ein Foto geschossen.

Die Halde Schwerin ist die sichtbare Hinterlassenschaft der Zeche Graf Schwerin, die 1867 gegründet und 1967 stillgelegt wurde. Der Aufstieg ist gesäumt von verschiedenen Kunstobjekten. Da ist zum Beispiel der Wassertempel von Peter Streges. Auf dem Gipfel der Halde thront eine Sonnenuhr, bestehend aus 24 Edelstahlstelen, jede 10 m hoch, und einem Stabdreieck, das parallel zur Erdachse abgestützt ist. Der Durchmesser beträgt 16 m. Die Besonderheit diese Sonnenuhr: Sie zeigt nicht die Ortszeit von Castrop-Rauxel, sie zeigt die Görlitzer Uhrzeit. Weshalb? Weil ihr Schöpfer Jan Bormann das so einrichten konnte. Denn Görlitz liegt auf dem 15. Längengrad. Der definiert die MEZ. Und in Görlitz geht die Sonne nun mal ca. 30 Minuten früher auf als in Castrop-Rauxel. Also kann man sagen: Görlitz macht die Musik.

Das Hügelland von Castrop-Rauxel

Wir genießen die Aussicht auf der angenehm begrünten Halde, blicken bis nach Dortmund im Osten und auf den Hammerkopfturm unterhalb im Westen. Sebastian hat extra noch Linzer Torte gebacken: Zwei kleine Ausführungen – Erdbeer und Kirsch -, die extrem lecker sind. Und dann machen wir natürlich noch ein paar Bilder: Klar, wir sind ja Blogger. Wir sind auch Haldenhiker und legen nun einen ordentlichen Downhill-Lauf hin. Es geht direkt nach Castrop-Rauxel hinein. Eine richtig beschauliche Kulisse bietet sich eingangs, als wir die Häuserzeilen des Stadtrandes in der Herbstsonne passieren. An der Ringstraße angekommen, treffen wir auf das Alte Rathaus, das sich im herbstlichen Kleid aus bunt leuchtendem Efeu zeigt.

Castrop-Rauxel ist eine Große Kreisstadt im Kreis Recklinghausen mit über 73.000 Einwohnern. Ihren Ursprung hat die Stadt bereits in der Römerzeit: Eine germanische Siedlung unterhielt nämlich seit dem 1. Jahrhundert rege Wirtschaftsbeziehungen mit den römischen Besatzern. Im 9. Jahrhundert war es Karl der Große, der das Dorf am Speicher als Versorgungslager für seinen Sachsenfeldzug nutzte. Erste urkundliche Erwähnung fand Castrop 824 als Villa Castrop. 1902 wurde Castrop dann zur Stadt erhoben und 1926 schloss sie sich mit dem Amt Rauxel zusammen: die Stadt Castrop-Rauxel.

Auf dem Castroper Hügel mit Blick über Castrop-Rauxel. | Halden im Ruhrgebiet

Auf dem Castroper Hügel mit Blick über Castrop-Rauxel.

Der Bergbau fand hier bereits im 19. Jahrhundert seinen Anfang. Vier Zechen siedelten sich an: Zeche Erin, Zeche Graf Schwerin, Zeche Ickern und Zeche Victor. Hier sehen wir auch die Urheber der Castroper Hügel: Vier Zechen und jede Menge Abraum. Das Ende des Steinkohlebergbaus kam mit der Schließung der Zeche Erin 1983. Und wie wir unseren Weg nun durch die Stadt bahnen, sehen wir viele kleine urige Häuschen, die ein wenig verträumt den Stadtkern einschließen. Die Bausünden der 1970er Jahre finden wir natürlich auch. Sie schließen die Lücken, die die Bombardements des zweiten Weltkriegs gerissen hatten. 24 % der Stadt waren bis 1945 dadurch zerstört worden.

Über den Marktplatz und entlang der Mühlenstraße, kurz darauf über die Widumer Straße. So halten wir auf den Förderturm der Zeche Erin am Schacht 7 zu. Ein bemerkenswertes Konstrukt, steht man erst einmal davor. In der Herbstsonne wirkt es fast lebendig, das grün angestrichene Stahlgerüst. Wir bestaunen diesen stummen Zeitzeugen und halten dann auf die nahen Hügel zu. Während wir schnell auf die Hügelkrone steigen – der Pfad hinauf wirkt ein kleines bisschen alpin – hoppeln ein paar Kaninchen aufgeschreckt davon. Oben sind wir alleine und haben einen wunderbaren Rundumblick. Über die Stadt wie sie ein wenig träumend im goldfarbenen Sonnenlicht vor uns liegt und über die Halden im Ruhrgebiet. Zumindest über die benachbarten Halden. Ein wirklich toller Moment dort oben: Herbstlicht und Kulisse – so schön kann es im Ruhrgebiet sein. Ich sag’s ja immer wieder: #Ruhrromantik!

Blick zurück auf Castrop-Rauxel in der Abendstimmung. | Halden im Ruhrgebiet

Blick zurück auf Castrop-Rauxel in der Abendstimmung.

Haldenhopping Resümee

Da möchte ich gar nicht mehr absteigen, aber die Jungs drängen weiter. Der Rückweg führt uns durch den Stadtgarten und an dessen Gondelteich vorbei. Hier hält man automatisch inne! Dann, wir bahnen uns den Weg entlang der Glückaufstraße und über die B235, treffen wir wieder auf die Rennwiese, eine ehemalige Rennanlage des Hauses Goldschmieding. Wir schlagen noch mal einen weiten Bogen nach Osten und umrunden damit die Parkanlage und auch die Kleingärtneranlage am Schellenberg. Die Schatten sind inzwischen lang geworden und die sinkende Sonne taucht den Horizont in Gold. Unser Tour zu den Halden im Ruhrgebiet endet am Haus Goldschmieding und wir beschließen den eindrucksvollen Tag beim gemeinsamen Schmaus in Dortmund bei Kumpel Erich, einer wohl typisch Dortmunder Wirtschaft.

Warum hat mir diese Tour so sehr gefallen?
Ganz einfach: Einmal mehr hat mir Jens gezeigt, dass die Metropolregion Ruhrgebiet einen ganz besonderen Reiz hat. Keine Berge, keine alpinen Anforderungen: Entgegen aller Klischees, ist dieses Gebiet nicht nur Industrie. Im Gegenteil: Was du hier erleben und sehen kannst, ist die Vielfalt aus reizvoller und abwechslungsreicher Landschaft und Natur, sowie spannende Industriegeschichte- und romantik. Die Tour selbst ist weniger anstrengend, als sehr informativ. Es finden sich immer wieder Infotafeln, die Dir die Geschichte und Entwicklung der Halden im Ruhrgebiet und der Stadt verdeutlichen.

Einfach spannend!

Bilder zur Tour

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