Bergtour

Zum Schrecksee – Tannheimer Tal – Tag 2

So in der Nachbetrachtung dieses Hüttenwochenendes in den Tannheimer Bergen kann ich nur sagen: Superschön war es! Es hat alles gepasst und die drei Tagestouren waren landschaftlich sehr beeindruckend, imposant und teils skurril. Da kommt mir zwischendurch manchmal der Gedanke, dass diese Landschaftsszenen mit unter so wirken, als ob sie der Stoff wären, aus dem Horrorfilme gemacht werden können.

Geht Euch das ab und zu nicht auch so? Man sieht ein Motiv, eine Szene und denkt sich: Das wäre wirklich passend für eine Geschichte. Oder für einen Film. Oder Comic? Oder eben für schöne Gruselschocker. Jedenfalls geht es mir manchmal so.

Die Tour im Überblick

Tourensteckbrief:

  • Charakter: Anspruchsvolles Bergwandern (T3)
  • Anforderungen: Gute Kondition, Orientierung, Trittsicherheit, Alpine Erfahrung
  • Start/Ziel: Landsberger Hütte
  • Distanz: 11,5 km • Gehzeit: 4 h
  • Höhenmeter: 860 m •  850 m
  • Einkehr: Landsbergerhütte

Etappen:

  • Rote Spitze
  • Schreckssee
  • Steinkarspitze
  • Landsbergerhütte
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Der Zwischengipfel

Tannheimer-Berge-Schrecksee-19Unsere erste Nacht im „Schwalbennest“ der Landsberger Hütte war ruhig und angenehm. Das Schwalbennest ist ein großes Matratzenlager unterm Dach. Da ist das ja mit der Wärme oft so eine Sache. Vom Flur, ein Stockwerk tiefer, fällt in der Nacht das Zwielicht der Notausgangslampe  zu uns herauf. Wenn dann jemand vom Toilettengang wieder herauf kommt, dann könnte es grade so gut Jason Voorhees mit seiner Eishockey-Maske und einer Machete sein: Eine dunkle Shilouette vor einem Hintergrund aus leicht gleißendem Licht steht im langen Flur des Matratzenlagers und atmet schwer … Zum Glück war er diese Nacht hier nicht unterwegs.

Während wir auf der Terrasse frühstücken beobachten wir die Frühaufsteher, die bereits in der Wand der Lachenspitze den Klettersteig bezwingen. Wir wollen heute bis zum Schrecksee und noch zwei Gipfel mitnehmen. Der Wirt meint, wir sollen die Gipfel zum Schluss machen, dann wissen wir ob die Kraft noch reicht. Nach kurzem überlegen entscheiden wir uns dafür, die Rote Spitze zuerst zu erklimmen, danach zum Schrecksee zu gehen und auf dem Rückweg auf die Steinkarspitze zu steigen. Die Kraft wird reichen.

Viel los heute. Wir halten auf das Kastenjoch zu. Von dort verteilen sich bereits die Leute entweder auf die Steinkarspitze, oder Richtung Schrecksee – vermute ich. Ein paar Haflinger grasen unterhalb des Jochs. Auf dem Sattel angekommen, treffen wir auf eine gut gelaunte Männergruppe. Wir kommen gleich ins Gespräch und einer der Jungs meint, dass wir hier eh schon auf einem Zwischengipfel wären: Also her mit dem Gipfelschnaps. Die Gruppe will heute bis zum Prinz-Luitpold-Haus weiter und wir erst auf die Rote Spitze. Bevor sich jetzt unsere Wege trennen, gibt es noch eine kleine Foto-Session: Wir lichten uns gegenseitig ab. Im Weitergehen rufen wir uns zu, dass wir uns ja am Schrecksee noch mal treffen könnten.

Tannheimer-Berge-Schrecksee-13

Piranhas im Schrecksee?

Auf der Roten Spitze sind wir fast alleine. Zwei Männer sind im Abstieg begriffen. Sie lassen uns einen ruhigen Gipfelblick und einen riesen Schwarm kleiner Fliegen da, der uns unaufhörlich um die Nasen schwirrt. Der Blick vom Gipfel ist aber Ablenkungen genug. Er ist traumhaft und der Powerbar Riegel schmeckt da gleich zweimal so gut. Blauer Eisenhut wächst unweit vom Gipfelkreuz in Mengen und macht den kleinen Gipfel fast gemütlich. Dann geht es weiter. Die nächste Etappe ist der Schrecksee. An der Steinkarspitze vorbei, geht’s kurz über einen felsigen Steig weiter. Er hat einen Überhang und ist auch gut markiert.

Hmmm … was, wenn sich da plötzlich ein unentdeckter Höhleneingang offenbart? Nach so einer Nacht in einer Hütte und Lust auf Abenteuer könnte man ja auf den Gedanken kommen, die unbekannte Höhle zu erforschen? Wir gehen rein und plötzlich rumpelt es und der Eingang ist verschüttet? Ein Gefühl, dass wir nicht alleine in dieser Höhle sind macht sich breit? Und was dann auf uns wartet ist  … wieder ordentlich gruselig! Erinnert Euch das nicht an The Descent? Ich krieg‘ Gänsehaut!

Tannheimer-Berge-Schrecksee-7Wir laufen weiter, ohne ein Anzeichen einer Höhle … puuhh, noch mal Glück gehabt. Über einen sehr malerischen und lang gezogenen Höhenweg zum Sattel des Jubiläumsweges. Unterwegs gibt es ein paar leichte Kraxel-Stellen. Der Sattel ist für uns gleichzeitig der Grenzübertritt von Tirol nach Bayern. Wir blicken auf den Schrecksee hinunter und der liegt wirklich wunderschön in einem grünen Talkessel. Am Wasser angekommen, halten wir noch Ausschau nach den Jungs mit dem Zwischengipfel-Schnaps. Ohne Erfolg. Echt schade, war eine echt lustige Truppe. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen am Ufer. Karo hält es aber nicht lange und schon steht sie mit hochgekrempelten Hosenbeinen im Wasser. Eigentlich hab ich Hunger, aber was soll’s. Ich folge irgendwann doch Karo’s Drängen und stell mich auch ins Wasser: herrlich.

Herrlich kitzlig. Ich guck‘ an meinen Beinen runter und an meinen Füßen machen sich jede Menge Fische zu schaffen. Das sind doch nicht Piranhas??? Puh nein, ist nur ein Schwarm Stichlinge, der sich über meine Füße hermacht und daran herumknabbert. Das nenn ich mal ökologisches Peeling.

Knochenfund und Kopfkino

Am Schrecksee halten wir es ewig aus und bereuen, dass wir keine Badesachen dabei haben. Später, zurück in der Landsberger Hütte, wird uns der Wirt sagen: „Wer nicht auf der Insel war, der war nicht am Schrecksee“. Tja, blöd. Zur Insel rüberschwimmen wäre spitze gewesen. Langsam wird es uns zu voll am den See. Wir brechen unser Lager ab und kraxeln wieder zum Sattel hinauf. Dort treffen wir auf einen Bike & Hiker und quatschen noch eine Weile mit ihm. Also hauptsächlich wieder mal ich. Karo verdreht schon die Augen. Über den Höhenweg geht es wieder zurück. Inzwischen sind kaum mehr Leute unterwegs. Hat auch was. Ich genieße das echt immer, wenn man so alleine in der Natur vor sich hinwandert und einen weiten Blick hat. Dann sind wir schon wieder bei der Steinmandl-Familie angelangt. Abseits versteckt sich ein Bärtiger in den Latschen. Ein Schattenanbeter. Wirkt fast wie ein Eremit. Wir gehen weiter und zweigen dann ab, um die Steinkarspitze über den Südamm zu erklimmen.

Das Stück ist noch mal richtig schön. Vom Kamm aus blickt man wirklich weit nach Osten rüber. Zwischendurch kommt die ein oder andere Stelle zum Kraxeln. Und schließlich ein großes Stück Knochen. Säuberlich abgenagt. Nur ein kurzes Stück mit Epiphyse. Ziemlich groß. Menschenknochen? Nein, hoffentlich nicht. Eher von einer Kuh? Da geht gleich wieder das Kopfkino los. Kennt ihr den Film American Werewolf, in dem zwei Hiker von einem Werewolf angefallen werden? Wenn ich mir das so vorstelle: Karo und ich erklimmen die Steinkarspitze über den Kamm. Nebelschwaden ziehen an uns vorüber, kaum Sicht und der Wind pfeift und stöhnt über die Felsen. In der Ferne ein Heulen, dass das Blut in den Adern langsam gefriertdie Angst kriecht den Nacken hoch und der Drang so schnell wie möglich wegzulaufen wächst stetig.  Und wieso heißt der Schrecksee eigentlich noch mal genau Schrecksee …?Tannheimer-Berge-Schrecksee-1

Karo holt mich ein und weiter geht’s. Wir sind ziemlich schnell auf dem Gipfel der Steinkarspitze und haben ihn eine Weile für uns alleine. Beobachten das Treiben der Landsberger Hütte, die von hier oben wie ein Ameisenhäuschen wirkt. Schließlich treibt uns der Hunger vom Gipfel. Von der Lachenspitze kommen auch noch eine handvoll Bergwanderer herüber zur Hütte. Sonst ist niemand mehr unterwegs. Die Sonne steht schon tief. Kurz vor der Hütte sind noch ein paar Murmeltiere geschäftig am hin und her hoppeln.

Bergromantik im Tannheimer Tal

Der zweite Tag neigt sich seinem Ende zu und wir sitzen frisch geduscht vor dem Haus und essen noch ein wenig Pasta und danach Kaiserschmarrn. Sehr lecker! Die Lachenspitze ist in ein abendliches Orange getaucht. Das ist Alpenglühen aus der Nähe. Ein paar waaghalsige Kühe stehen oben am Rand der Felswand und halten ihre Schnauzen in die untergehende Sonne. Da packen wir unsere Getränke und setzen uns ein Stück abseits der Landsberger Hütte ins Gras, blicken über den Traualpsee rüber zum Einstein und beobachten aneinander gekuschelt den Sonnenuntergang.

Alle Beiträge zur Mehrtagestour im Tannheimer Tal

Einen hab ich aber noch: Tucker & Dale vs. Evil.

Alle Bilder zur Tour

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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

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