Bergtour

Über die 16 Gipfel der Nagelfluhkette im Allgäu – von Immenstadt zum Imberg

Nagelfluhkette, die – Wortart: Substantiv, feminin; Worttrennung: Nag|el|fluh|ket|te.
Im Volksmund Hochgratkette genannt, ist die Bergkette am nördlichen Rand der Allgäuer Alpen weitläufig bekannt als Nagelfluhkette. Diese Bergkette im Allgäu erstreckt sich von Immenstadt bis nach Vorarlberg in west-südwestlicher Richtung, bis kurz vor Hittisau. Wandert man über die Nagelfluhkette bis zum Gipfel des Hochhäderichs, so überschreitet man die Grenzen zwischen Deutschland und Österreich, also zwischen Bayern und Vorarlberg, auf dem Sattel zwischen dem Hohenfluhalpkopf und dem Hochhäderich selbst. Auf rund 20 Kilometern sind 15 Berggipfel aufgefädelt. Der höchste Gipfel der Nagelfluhkette und damit auch der höchste Punkt der Tour ist der Gipfel des Hochgrats mit 1.834 Metern. Den eigentümliche Name Nagelfluhkette trägt diese Bergkette aufgrund der dort vorherrschenden Gesteinsart des Nagelfluh.

DIE TOUR IM ÜBERBLICK

Tourensteckbrief

    • Charakter: Anspruchsvolles Bergwandern (T3)
    • Anforderungen: Gute Kondition, gute Orientierung, gute Trittsicherheit, durchschnittliches Orientierungsvermögen. Elementare alpine Erfahrung
    • Start/Ziel: Parkplatz am/um den Bahnhof Immenstadt

Etappen (Gehzeiten kumuliert)

Tag 1 – Von Immenstadt zur Alpe Gund
Distanz: 12,5 km • Höhenmeter: ↑ 1.205 m • 460 m

  • Gipfel Mittag (1:30 h)
  • Gipfel Bärenköpfle (1:45 h)
  • Gipfel Steineberg (2:30 h)
  • Gipfel Stuiben (3:55 h)
  • Alpe Gund (4:40 h)

Tag 2 – Von der Alpe Gund zur Falkenhütte
Distanz: 14 km • Höhenmeter: ↑ 1.230 m • 1.275 m

  • Gipfel Sedererstuiben (0:45 h)
  • Gipfel Buralpkopf (1:45 h)
  • Gipfel Gündleskopf (2:10 h)
  • Gipfel Rindalphorn (2:50 h)
  • Gipfel Gelchenwangerkopf (3:05 h)
  • Gipfel Hochgrat (3:35 h)
  • Gipfel Seelekopf (4:05 h)
  • Gipfel Hohenfluhalpkopf (4:30 h)
  • Gipfel Eineguntkopf (Rohnehöhe) (5:15 h)
  • Falkenhütte (5:45 h)

Tag 3 – Von der Falkenhütte zur Imbergbahn
Distanz: 10,5 km • Höhenmeter: ↑ 485 m • 715 m

  • Gipfel Falken (0:30 h)
  • Gipfel Hochhäderich (2:05 h)
  • Hörmoosalm (2:55 h)
  • Gipfel Imberg (4:15 h)
  • Bergstation Imbergbahn (4:35 h)
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Tag 1 auf der Nagelfluhkette – VOn Immenstadt zur Alpe Gund

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Leiter am Steineberg

Der Gipfel des Steineberg kann über eine 17 m lange Leiter steil hinauf erklommen werden. Alternativ über einen Normalweg.

Als ich im Herbst 2012 bei Rainer und Claudia in deren Blog die Tourenbeschreibung „In vier Tagen über die Nagelfluhkette“ entdecke, fasse ich nach dem Lesen dieses Abenteuers den Entschluss: Die Nagelfluhkette will ich unbedingt auch erwandern! Erst zwei Jahre später, im Herbst 2014, ist es endlich soweit: Mit Andreas, einem Kollegen, mache ich mich im Oktober auf den Weg nach Immenstadt. Das Auto lassen wir in der näheren Umgebung des Bahnhofes stehen und machen uns auf den Weg Richtung Talstation der Mittagbahn: Dem Startpunkt der Tour.

Ich muss gestehen, die erste Etappe auf den Gipfel des Mittag finde ich recht unsexy! Es geht überwiegend über die Versorgungsstraße der Bahn hinauf zur Bergstation und zum Gipfel. Bei gutem Wetter ist der Betrieb dort oben in vollem Gange. An diesem Oktobertag haben wir eine dichte Decke aus Nebel und Wolken. Der steile Anstieg über die Teerstraße in diesem Dunst schmeckt mir nicht. Meine Motivation sinkt auf den Null-Punkt. Was meine Stimmung rettet ist eine hübsche Allgäuerin, die uns ab der Mittelstation bis auf den Mittagberg begleitet. Wir unterhalten uns sehr gut und schon ist die Strecke auf den ersten Gipfel der Nagelfluhkette erreicht. Die Wolkendecke lassen wir dabei hinter uns und wandern vom Mittag weiter in Richtung Steineberg. Und so erreichen wir schnell das Bärenköpfle, ein unscheinbarer Gipfel aus Nagelfluhgestein – die Nummer zwei der Nagelfluhkette. Der Wanderweg bis dahin gleicht eher einem Spazierweg. Am Gipfelkreuz spricht mich ein kleiner Blondschopf an. Der Junge ist nicht mehr als 5 Jahre und erklärt mir sein Wum-Wum-Alphabet, also seine Art den eigenen Namen zu buchstabieren. Derweil weist uns sein Vater auf einen Steinadler hin, der weit oben über unseren Köpfen seine Kreise zieht. Kurz nach dem Bärenköpfle wird aus dem Weg ein Pfad, kurz vor dem Steineberg, eine kleiner Steig aus Wurzeln, Schotter und Gestein. Und schließlich erreichen wir auch den Gipfelaufbau des Steinebergs. Der ist sehr imposant. Bis zum Rand der Felswand führt uns ein steiniger Pfad in kleinen, steilen Serpentinen hinauf, bis wir vor einer Felswand und einer 17 Meter langen Leiter stehen. An diesem Punkt gilt es sich zu entscheiden: Pack ich die Leiter, beinahe senkrecht entlang der Felswand, oder wähle ich die Umgehung, auf den Steineberggipfel. Wir wählen die Leiter und steigen zügig die Nagelfluh-Felswand hinauf.

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Blick auf den Sedererstuiben

Stimmungsvoller Abstieg vom Stuiben, mit Blick auf den Sedererstuiben.

Jetzt habe ich das erste Mal die Möglichkeit, das Nagelfluhgestein genauer zu betrachten. Der ganze Steineberg ist aus diesem Gestein gemacht, ja die ganze Nagelfluhkette besteht aus diesem merkwürdigen Gestein. Es erinnert stark an groben Waschbeton. Vielleicht nennt der Volksmund das Gestein auch deswegen Herrgottsbeton. Aber weshalb der Name Nagelfluh? Fluh ist ein alter Begriff für Fels oder Felswand. Die abgerundeten Steine, die in dieser Gesteinsmasse sichtbar sind erinnern an Nagelköpfe. Eine konkrete Erklärung zum Nagelfluhgestein findet sich in der Geologie: Nagelfluhgestein ist ein Konglomerat aus groben Sedimentgestein, bei dem abgerundete Gesteinsbrocken zu einer Masse eingebacken eingeschlossen sind und aufgrund eines Verwitterungsprozesses langsam an die Oberfläche gelangen, bis sie schließlich abbröckeln. Entstanden ist das Nagelfluhgestein während der Entstehung der Alpen vor rund 135 Millionen Jahren. Es bildete sich aus Gerlöll, Schlamm und Schutt, welche von urzeitlichen Gewässern und Flüssen in das voralpine Schwemmland gespült wurden. Die Einlagerung von Kalk verband die Massen in zusammenhängende Nagelfluhplatten. Dazwischen bildeten sich weniger stabile Sandsteinschichten. Infolge von sogenannten Faltungen schoben sich diese Schichten von Süden her auf die europäische Kontinentalplatte und bildeten somit gegen Norden hin Nagelfluhfelswände. An den schwachen Kanten erodierte das Gesteinsmaterial und nach Norden hin bildeten sich unterhalb der Felswände die sogenannten Kare. Nach Süden hin beträgt das Plattengefälle weniger als 30°, so dass sich Hangwiesen und -wälder bilden konnten. An sehr steilen Stellen (bis zu 50°) dagegen findet sich kein Bewuchs und man hat damit eine gute Veranschaulichung der Plattenblindung und Kantenerosion.

Wir genießen das Panorama der Allgäuer Alpen am Gipfel des Steinebergs. Machen uns aber bald wieder auf den Weg: Unser nächstes Ziel ist der Gipfel des Stuiben. Auf dem Weg dorthin wechselt die Route zwischen Wiesen- und Felspfaden, Steigen und versicherten Gratpassagen. Die Nagelfluhkette ist nicht nur ein spannendes Abenteuer, sie ist auch ein Naturpark! Wir müssen den Stuibengipfel erklimmen: Die Passage von Osten her ist ein wenig heikel. Der Weg führt über eine abschüssige Nagelfluhplatte dem Gipfel entgegen. Ohne die Versicherung wäre es zu ausgesetzt, um hinauf zu klettern. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein, aber wir schaffen es und werden auf dem Gipfel zur Belohnung von Wolken eingehüllt: Na toll! Dafür ist es sehr stimmungsvoll, als wir den Abstieg zur Alpe Gund antreten. Wolkenfetzen ziehen über den Sattel zwischen Stuiben und Sedererstuiben und hüllen alles in eine fast melancholische Stimmung ein. Dennoch: Wir kommen wenig später an der Alpe Gund an, mache uns frisch und genießen das erste Bier an der Hauswand in der Sonne.

Bilder zum ersten Tag:

Tag 2 AUF DER NAGELFLUHKETTE – Von der Alpe Gund zur Falkenhütte

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Abstieg zum Gündelssattel

Abstieg zum Gündelssattel, von dem wir den Gegenanstieg auf das Rindalphorn vor uns, beginnen.

An diesem Morgen sind wir früh wach, denn heute haben wir den Hauptteil der Kammwanderung über die Nagelfluhkette vor uns. Richtig guter Filterkaffee macht uns wach und ein ordentliches Bergsteigerfrühstück stärkt uns für den Tag. Die Alpe Gund wird bereits seit 1959 bewirtschaftet. Dass die beiden Wirtsleute in die Alm und die Hütte viel Liebe und Zeit investieren spürt man vom ersten Augenblick und schmeckt man bis zum letzten Bissen. Wir steigen satt und zufrieden wieder 200 Höhenmeter hinauf bis auf den ersten Gipfel, den Sedererstuiben. Der Rundblick vom Sedererstuiben ins Allgäu so Früh am Morgen hat etwas friedliches. Wir sind ganz alleine hier oben und blicken hinab ins Tal, das noch zu schlafen schein. Von neun Gipfel liegen noch acht vor uns, also machen wir uns im Sonnenschein auf den Weg. Der nächste Gipfel auf unserer Kammwanderung über die Nagelfluhkette ist der Buralpkopf. Der Weg dahin zeichnet sich vor uns bereits ab: Ein weiter Bogen des Nagelfluhgrates, der sich nach Nordwest zieht, mündet in dem kreuzlosen Gipfel des Buralpkopfes – teils als Pfad, teils als Steig. Auf halber Höhe kommt uns der erste Wanderer entgegen. Nach den ersten Worten, die wir mit ihm wechseln, röhrt es plötzlich von weit unten im Tal zu uns herauf. Wir blicken gespannt über den nördlichen Abbruch der Nagelfluhkette hinab in das Kar der Sedereralpe und in das darunter liegende Tal. Sehen können wir nichts, aber umso mehr hören wir sie nun: brunftige Hirsche. Ein regelrechtes Konzert beginnt. Nebeldampf steigt von den Bäumen im Tal mit den Hirschlauten zu uns nach oben, während der Bergwanderer uns von den Rufen der Birkhühnern erzählt, die er schon früher am Morgen hören konnte.

Auf dem nächsten Gipfel, dem Buralpkopf angekommen, bastle ich aus meinen Wanderstöcken das fehlende Kreuz, wir machen ein Foto und wandern gleich weiter, über einen schönen Kammpfad. Nach nicht mal einer halben Stunde stehen wir dann auf dem Gipfel des Gündleskopfes. Hier sind schon eine handvoll Bergwanderer unterwegs. Richtung Rindalphorn, der nächste Gipfel, wandern wir über einen Wiesenpfad rund 200 Meter abwärts, nur um wieder gute 250 Meter steil bergauf zu steigen. Vom Rindalphorn – ich muss es nicht erwähnen – haben wir einen grandiosen Panoramablick in die Allgäuer Alpen. Der nächste Gipfel ist der Gelchenwangerkopf und wieder mal schon weit vorher in Sicht. Über den Kamm gelangen wir in ca. 15 Minuten dorthin und stellen fest: Wieder kein Gipfelkreuz. Also kreuzen wir noch einmal die Wanderstöcke für ein Foto. Auf dem Gelchenwangerkopf bleiben wir nicht lange, da es voll wird. Vor uns liegt der Übergang zum Hochgrat, dem höchsten Gipfel der Nagelfluhkette. Dorthin dauert der Abstieg und Gegenanstieg rund 30 Minuten. Die Nordseite des Hochgrats – das Weißachtal – wurde bis ins 18. Jahrhundert als Jagdrevier genutzt. Sogar König Maximilian I. – genannt „Der letzte Ritter“ – war hier um 1507 auf Jagdbesuch angereist. In der Neuzeit wurden 1908 das Staufer Haus westlich unterhalb des Hochgratgipfels errichtet. 1973 wurde die Hochgratbahn fertiggestellt, die von der Nordseite aus dem Weißachtal bis unterhalb des Gipfels führt. Auch Tragödien spielten sich hier oben ab. Am 11. Juni 1968 zerschellte der Luftwaffen Oberleutnant Karl-Okar Klenk mit seinem Starfighter F-104 an der Felswand des Hochgrats, als während seinem Nachttiefflug die Navigationsinstrumente ausfielen. 1996 stürzte dann auch noch ein Sportflugzeug am Hochgrat ab. Davon ist aber nichts zu sehen und zu spüren, als wir am markanten Gipfelkreuz des Hochgrats stehen. Zu viele Bergwanderer und -touristen stehen hier oben, dank der Bergbahn.

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Alpenpanorama

Alpenpanorama Allgäu

Also lassen wir den Gipfel bald wieder hinter uns, steigen zur nahen Bergstation der Hochgratbahn ab und machen dort einen Einkehrschwung. Bis hierher haben wir knapp 4 Stunden reine Gehzeit gebraucht. Gut zwei Stunden Gehzeit liegen noch vor uns, bis wir die Falkenhütte erreichen werden, da muss schon mal eine Stärkung drin sein. Nachdem wir genug gerastet haben, machen wir uns auf den Weg, immer weiter entlang der Nagelfluhkette Richtung Westen. Erst bergab, vorbei am Staufer Haus und weiter zu einer Art Holzrahmen – mitten auf dem Kamm. Hier handelt es sich um das Porta Alpinea. Im September 2013 stellte der Künstler Guenter Rauch dieses Tor zu einer anderen Welt auf. Dieses Holzkonstrukt stehe als Zeichen der Hoffnung und als Aufforderung an den Besucher, sich selbst eine neue Welt zu erschaffen und die eigenen Möglichkeiten zu erkennen – heisst es. „Ich möchte dem Betrachter meiner Kunst einen Moment des Innehaltens schenken und ihm so die Möglichkeit geben, sich für seine eigene – andere – Welt zu entscheiden“, sagt Guenter Rauch selbst über sein Kunstprojekt. Und fürwahr, wir halten inne. Es ist ein Hingucker, ein Magnet. Von weitem ist es bereits sichtbar, das Tor. Und natürlich eine Attraktion. Ob wir Bergtouristen und -verliebten diese Intention im Moment, in dem wir inmitten dieses Portals stehen auch spüren oder anders wahrnehmen können, bleibt offen. Das muss jeder für sich selbst ergründen. Eines aber ist offensichtlich: Hier oben auf dem Grat der Nagelfluhkette gibt es immer wieder Momente des Innehaltens, des Aufsaugens und In-die-Ferne-schweifens. Das Allgäu ist weit hier oben, die Alpen scheinen schier endlos: Das macht die Gedanken frei und das Herz öffnet sich. Jeder neue Augenblick, jedes neue Motiv der Nagelfluhkette, das sich uns eröffnet, füllt uns aus. Und so führt uns der Luftige Grat weiter über die Gipfel des Seelekopfs, Hohenfluhalpkopfs und zum Gipfel Nummer 13, dem Eineguntkopf. Abwechslungsreich, spannend und manchmal tricky, sind die Pfade und Steige auf dem Grat. Aber die Falkenhütte erreichen wir dennoch: wohlbehalten, glücklich und ein wenig müde. Zu müde sogar, um mein Dessert zu essen. Meinen Apfelstrudel mit Eis bekommt Andreas. Und so lassen wir den Tag ruhig auf dem schönen Zimmer ausklingen: Andreas notiert sich Gedanken zur heutigen Etappe und ich döse schon halb ein – bei den Klängen von Band Of Horses.

Bilder zum zweiten Tag:

Tag 3 Auf der Nagelfluhkette – Von der Falkenhütte zum Imberg

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Aufstieg Falken

Aufstieg am Morgen zum Gipfel des Falken.

Ein fast luxuriöses Zweibettzimmer auf der Falkenhütte ist schuld, dass wir erst spät aufbrechen. Frisch und gestärkt nach dem Frühstück, geht es auf unsere letzte Etappe unseres Abenteuers auf der Nagelfluhkette. Unser Ziel heute ist der Imberg bzw. Imbergkamm. Sicher kann man ihn nun nicht direkt zur Nagelfluhkette zählen. Schauen wir uns auf der Karte den Verlauf der Nagelfluhkette mal genauer an, so hat es doch den Anschein, als mache diese an ihrem westlichen Ende einen Bogen zurück. Zurück ins Allgäu wendet sich der Kamm, rahmt einen weiten und malerischen Talschluss ein. Also Grund genug für uns, nicht einfach nach dem Gipfel des Hochhäderischs die Tour enden zu lassen. Unser erste Gipfel des Tages ist der Falken. Eigentlich handelt es sich um mehrere Felsspitze: Die Falkenköpfe. Nur einer davon ist ein wenig betoniert und trägt ein Gipfelkreuz. Von der Falkenhütte erreichen wir über einen schmalen Pfad und eine ordentlichen Kraxeleinlage über eine Rinne aus Nagelfluhgestein, die Hochebene der Falkenköpfe. Selbstredend ist von diesem Gipfel die Aussicht ins Allgäu toll. Uns treibt es indes weiter an und wir erreichen bald die Grenze zwischen Bayern und Vorarlberg. Grenzsteine von 1844 markieren diese in weiten Abständen. Im Frieden von Preßburg, der zwischen Österreich und Napoleon 1805 geschlossen wurde, vereinbarten beide Parteien, dass Vorarlberg von Bayern annektiert werden solle. Dies geschah 1806 und Vorarlberg stand fortan unter der Verwaltung von Kempten. Für Bayern zahlte es sich aus, an der Seite des Französischen Kaisers zu stehen. Aber die Vorarlberger ließen sich das nicht gefallen. Anton Schneider, Rechtsanwalt und Freiheitskämpfer, führte den Vorarlberger Volksaufstand von 1809 an. Zwar gelang es den Vorarlbergern mit einer Truppenstärker von über 3.000 Mann, die bayrischen Truppen aus ihrem Land zu vertreiben. Aber ihr Aufstand wurde bald durch Soldaten aus Bayern, Baden-Württemberg und den Franzosen im Keim erstickt. Mit der Niederlage bei der Schlacht von Wagram – Anfang Juli 1809 – sah Anton Schneider keinen Ausweg mehr und kapitulierte. Er begab sich in württembergische Gefangenschaft und konnte der durch Napoleon befohlenen Hinrichtung entgehen. Fast zur gleichen Zeit, begehrten die Tiroler unter der Führung des Andreas Hofer gegen die bayrisch-französische Herrschaft auf. Aber auch dieses erst erfolgreiche Aufbegehren wurde schließlich mit der Niederlage im November 1809 niedergeworfen. Am 28. Januar 1810 wurde Andreas Hofer durch Verrat gefangen gesetzt und bereits am 19. Februar – 22 Tage später -, auf Geheiß des Kaisers Napoleon, hingerichtet. Ein trauriges Kapitel.

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Hängematte

Fast am Ziel, gönnen wir uns einen Moment auf einer Hängematte am Wegrand.

Wir wandern inzwischen einige Zeit entlang der Deutsch-Österreichischen Grenze und verpassen kurz einen Abzweig, stehen bald auf einem Aussichtspunkt, der allerdings eine Sackgasse darstellt. Einen Blick zum Hochhäderich können wir schon mal riskieren. Zurück an einem Drehkreuz angekommen, fällt uns die weiß-blauß-weiße Wandermarkierung jetzt erst auf. Wir steigen ab über einen Pfad voller Schlamm und Wurzelwerk. Aufgrund der Rutschgefahr, kommen wir langsam voran, erhaschen hier und da einen Blick in das malerische Tal der Häderich Alpe und sehen uns bald dem Gipfelaufbau des Hochhäderichs gegenüber. Den erklimmen wir vorsichtig über versicherte Steige, entlang des Nagelfluhgrats. Und dann stehen wir oben, am letzten Gipfel der Nagelfluhkette. Ein wenig stolz und ein wenig wehmütig. Markiert dieser Gipfel doch auch irgendwie das nahe Ende unserer Tour. Auch wenn wir noch den Imberg erobern wollen. Dazu steigen wir in das Tal zur Hörmoosalpe ab. Also wir dort unten ankommen, erwartet uns bereits Andreas‘ Frau Sabine. Wir, verschwitzt und bis zu den Knien mit Schlamm verschmiert, Sabine frisch und fröhlich wie immer – ein Bild für Götter. Nach kurzer Stärkung am Alpengasthof Hörmoos, wandern schließlich zu dritt Richtung Imberg. Der Weg führt uns teilweise über den Oberstaufener Alpenerlebnispfad. Wenn ihr beispielsweise wissen wollt, wieviel ein Kalb bei der Geburt wiegen kann? Rund 45 Kilogramm! Und das ist nur eine der handfesten Stationen des Alpenerlebnispfades. Von dem hat man übrigens einen prima Panoramablick auf die Nordseite der Nagelfluhkette.

Und dann stehen wir auch schon an der Bergstation der Imbergbahn. Von hier ist es quasi ein Steinwurf zum Gipfel des Imbergs. Gekennzeichnet durch zwei Bänke und ein Holzkreuz. Wir werden mit einem sagenhaften Ausblick über Steibis, nach Oberstaufen und weit ins Allgäuer Voralpenland belohnt – sagenhaft. Wir gehen noch ein kleines Stück weiter und legen uns auf dem Imbergkamm ins Gras, genießen die Sonne und den Herbstduft des Allgäus und dösen ein wenig vor uns hin. Jeder hängt so seinen Gedanken nach. Ich lasse noch mal die Gipfeltour auf der Nagelfluhkette vor meinen Augen Revue passieren – wundervoll. Sabine weckt uns aus unseren Tagträumen und wir machen uns langsam wieder auf den Weg – wenn auch widerwillig. So stehen wir schließlich vor der Bergstation der Imbergbahn, machen ein letztes Foto wie Andreas und ich uns in den Armen liegen, der offizielle Abschluss unseres Abenteuers. Danach gehen wir zum Kassenhäuschen der Imbergbahn, um uns ein Ticket zu ziehen. Wir wollen heute nicht mehr zu Fuß absteigen. Der Kassierer sieht uns kommen und tritt gleich aus seinem Häuschen heraus. Er betrachtet uns von oben bis unten: Oben nicht mehr ganz taufrisch, unten voller Schlammspritzer. Das muss ein ulkiges Bild abgeben. Auf seine Frage hin, woher wir kämen, antworten wir ihm mit einer Stimme: „Von Immenstadt über die Nagelfluhkette!“. Das scheint ihm wohl sehr zu imponieren: Die Karten für die Talfahrt schenkt er uns. Er drückt uns seinen Respekt aus und damit auch die Fahrkarten in die Hand. Wir verabschieden uns freudig und fahren auch schon in einer Gondel dem Tal entgegen. Glücklich und auch ein wenig traurig ist uns zumute: Wie schnell solch schöne Zeit doch immer wieder vorüber ist. Schlimm? Nein nicht schlimm: Sie macht nur Platz für ein nächstes Abenteuer in den Bergen, in der Natur. Zeit ist alles – die einzige Währung, die wirklich zählt.

Nagelfluhkette_Immenstadt_Oberstaufen-Allgäu - Ausblick Steibis Oberstaufen

Fabelhaftes Panorama am Imberg: Blick ins Tal nach Steibis und Oberstaufen.

Bilder zum dritten Tag:
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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

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