Bergtour

Die Notkarspitze und das Erbe des Kaisers

Die Notkarspitze bietet einen einzigartigen und herrlichen Blick auf das Erbe Ludwig des Bayern, heißt es. Ludwig der Bayer, ein Wittelsbacher aus dem 13./14. Jahrhundert, der erst zum König, dann zum Kaiser des heiligen Römischen Reiches aufstieg. Und in der Tat, wer vom Weidmoos bei Ettal auf die Notkarspitze steigt, blickt immer wieder auf das Kloster Ettal, das in enger Verbindung mit dem Kaiser Ludwig steht. Mit jedem Meter, den man dem Gipfel entgegen steigt, wächst auch die Dimension des Klosters, blickt man zurück ins Tal.
Auf die Notkarspitze führen viele Wege. Wir, das sind Oli und ich, haben uns am dritten Adventssonntag für den Aufstieg über die Nordseite entschieden. Der ist im Winter in ewigem Schatten gefangen und daher sehr kalt und kaum begangen. Das kann man vom Gipfel der Notkarspitze nicht gerade behaupten.

DIE TOUR IM ÜBERBLICK

Tourensteckbrief:

  • Charakter: Bergwandern (T2)
  • Anforderungen: Kondition, Trittsicherheit
  • Start/Ziel: Parkplatz an der Ettaler Mühle (geführenpflichtig)
  • Distanz: 10 km • Gehzeit: 4:20 h
  • Höhenmeter:1.160 m • ↓ 1.160 m
  • Einkehr unterwegs: Ettaler Mühle

Etappen (Gehzeiten kumuliert):

  • Gipfel Notkarspitze  (2:30 h)
  • Gipfel Ziegelspitz (2:50 h)
  • Gipfel Ochsensitz (3:05 h)
  • Parkplatz an der Ettaler Mühle (4:20 h)
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Vom Notkar auf Die Notkarspitze

Notkarspitze Ziegelspitze Ochsensitz Ammergauer Alpen - Steig 2

Die zweite Passage mit versichertem Steig. Hier wird es schon spannender.

Der Gipfel der Notkarspitze misst 1.888 m über Meereshöhe, liegt eingebettet im Ammergebirge und ist umrahmt vom Weidmoos beim Kloster Ettel im Osten, dem Graswangtal, in dem auch Schloss Linderhof liegt im Norden und Garmisch-Partenkirchen im Süden. Die Notkarspitze zählt zur Kramergruppe. Dazu zählen auch die Gipfel des Brünstlkopfs und des Felderkopfs. Über das Hasenjöchl, im Süden der Notkarspitze, kann man in einem kleinen Marsch auf diese Gipfel überwechseln. Vom Gipfel der Notkarspitze verläuft ein Kamm Richtung Osten. Den werden wir nach dem Gipfelsturm auch als Rückweg überschreiten und dabei den Gipfel der Ziegelspitz und den des Ochsensitzes erklimmen. Liegt ja quasi am Weg.

Wir starten an der Ettaler Mühle, die am Eingang des Graswangtals liegt. Sie stammt aus dem Jahr 1701 und ist ein markanter Barockbau mit Halbwalmdach. Die ehemalige Wassermühle beherbergt heute ein Gasthaus und bietet einen großen und auch gebührenpflichtigen Parkplatz. Wir queren die Straße, die ins Graswangtal führt und steigen in den Mühlwald auf. Der Aufstieg ist durchaus als steil zu bezeichnen. Ein Pfad führt in Serpentinen hinauf in das Notkar. Er ist an den knifflig-felsigen Stellen mit Stahlseilen versichert. Dort darf man den Weg zurecht als Steig bezeichnen. Von ihm haben wir immer wieder einen tollen Blick auf das Kloster Ettal und in das Graswangtal bis hin zur Klammspitze. Über die Kotalpe führt der Steig direkt hinein in das Notkar. Hier knickt der Pfad dann vor der Felswand und dem Kar nach Westen ab, führt in die Latschen und hinauf auf einen Kammausläufer. Als wir den erreichen, tauchen wir das erste Mal an diesem Tag in die Sonne. Eine Wohltat, denn im Notkar war es bitterkalt, der Schnee steinhart. Hier empfehle ich Grödeln oder Steigeisen mitzunehmen, damit der Weg über den Hartschnee sicher bleibt. Der Kamm führt von Norden auf die Notkarspitze. Der Pfad auf den Gipfel schlängelt sich durch den dichten Latschenbestand. Und plötzlich stehen wir auf dem Gipfel, dessen Areal nach Süden hin eine sonnenbeschienene und leicht abfallende Grasfläche ist, die von einigen Gipfelstürmern besucht ist.

Das Gelübde des Kaisers

Notkarspitze Ziegelspitze Ochsensitz Ammergauer Alpen - Blick auf Kloster Ettal

Blick auf das Kloster Ettal bevor es in das Kar rüber geht.

Ludwig IV. von Wittelsbach trägt auch den Beinamen „der Bayer“. Er ist gebürtiger Münchner – wohl die einzige Gemeinsamkeit, die ich mit ihm habe. Er residiert im Alten Hof zu München und wird 1314 deutsch-römischer König. 1328 krönt man ihn – bzw. krönt er sich quasi selbst – dann sogar zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Die Verbindung mit dem Wittelsbacher Adelsgeschlecht und den bayrischen Bergen hat eine sehr lange Tradition. Ludwig der Bayer, Gründer des Kloster Ettals, ist dort seit bald 700 Jahren immer gegenwärtig. Die Gründung des Klosters, das im Tal zwischen dem Gipfel des Laaber und dem der Notkarspitze liegt, geht auf die Legende zurück, dass der Kaiser gegen Ende seines Italienzuges, während er sich in sehr misslicher Lage befindet, das Gelübde ablegt ein Kloster zu erreichten. Ludwig der Bayer hatte nicht nur Finanzsorgen, er musste auch seine Kaiserkrönung in Rom, die er gegen großen Widerstand durchsetzen konnte, durch die Kirche legitimieren lassen.

Bereits 1324 während des Thronstreits mit dem ebenfalls zum König gekrönten Friedrich von Habsburg, wird Ludwig durch den Papst exkommuniziert. Der Kirchenbann wird bis zu seinem Tod nicht aufgehoben. Um sich als Kaiser kirchlich bestätigen zu lassen ernennt der Exkommunizierte extra einen Gegenpapst zu dem amtierenden und feindlich gesinnten Johannes XXII. Der neue Papst Nikolaus V. wird durch Ludwig in das Amt eingeführt, krönt den Wittelsbacher am 22. Mai 1328 in der Peterskirche in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und tritt dann 1330 gezwungenermaßen von seinem Amt zurück. Ludwig der Bayer indes gibt 1330 den Bau des Kloster Ettals in Auftrag. Recht spät, wenn man bedenkt, dass die Klöster Benediktbeuren, Tegernsee oder auch Schäftlarn auf das 8. Jahrhundert zurückdatiert werden. Ludwig bringt von seinem Italienzug eine Madonnenstatue aus reinem Marmor mit und schenkt diese dem Kloster. Sie ist einzigartig zu dieser Zeit und bildet heute noch den Mittelpunkt des Hochaltars. Nebenbei: Den Beinamen „der Bayer“ erhielt Ludwig von seinem erbitterten Gegner Papst Johannes XXII., als dieser abfällig von „bavarus“ spricht, was als Schmähung gedacht ist. Mein Bergkamerad Oli trägt den Beinamen „Heimbringer“. Das ist aber eine andere Geschichte.

Von der Ziegelspitz zum Ochsensitz

Notkarspitze Ziegelspitze Ochsensitz Ammergauer Alpen - Lebkuchen und Glühwein

Gipfelschmaus im Advent: Plätzchen, Lebkuchen und frischer Glühwein.

Auf dem Gipfel der Notkarspitze angekommen, genehmigen wir uns zuerst einmal eine anständige Portion Gipfelpanorama und ein Sonnenbad. Unglaublich am dritten Advent ist es dort oben so warm, dass man sich kaum einpacken muss. Eigentlich zu warm für einen Glühwein. Aber wir packen Plätzchen und Lebkuchen aus, ich lasse in meinem Outdoorkocher den Glühwein kurz aufkochen und so schmausen wir vorweihnachtlich. Der Gipfel ist bei dem Wetter natürlich gut besucht. Die meisten Bergwanderer kommen vom Ettaler Sattel herauf. In die Richtung gehen wir auch, als es Zeit für den Abstieg wird. Unser Weg führt uns über Stock und Stein, entlang des langen Kamms und durch Latschengassen, bis zum Gipfel der Ziegelspitz. Die Sonne steht bereits tief und unser Weg wird zunehmend einsamer. Auf der Ziegelspitz rasten wir nur kurz. Blicken noch mal zurück zur Notkarspitze und machen uns wieder ans Weitergehen. Der kleine Nebengipfel des Ochsensitz ist fast unscheinbar. Den kann man umgehen oder eben erklimmen. Knapp 200 m tiefer als auf der Ziegelspitz steht ein Holzkreuz auf dem Buckel. Aber der Blick ins Naturschutzgebiet Weidmoos und auf das Kloster Ettal ist grandios. Hier kann ich sehr gut erkennen, wo die Schattengrenze tagsüber liegt, denn ein Teil des Ettals war von der Sonne beschienen und frostfrei. Der andere Teil am Fuße der Notkarspitze ist in den Wintermonaten permanentem Frost und Schatten unterworfen.

Notkarspitze Ziegelspitze Ochsensitz Ammergauer Alpen - Gipfel Ochsensitz

Kurz nach der Ziegelspitze treffen wir auf den kleinen Nebengipfel Ochsensitz.

Vom Ochsensitz haben wir es noch gute 600 m ins Tal hinab. Wir folgen anfangs noch dem Wanderweg, der auf den Ettaler Sattel zuhält. Kurze Zeit nach dem Ochsensitz zweigt aber auch ein steiler Steig ab, links ins Tal hinab. Der Abstieg zieht sich ein wenig, führt steil und teils in engen Serpentinen auf das Kloster Ettal zu. Das haben wir nun ständig im Blick. Übrigens: Im Kloster Ettal stirbt Pater Rupert Mayer am 1. November 1945 während seiner Predigt an einem Schlaganfall. Er hat den Nationalsozialismus nur um wenige Monate überlebt. Bereits in den 1920er Jahren erkennt er die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausgeht und wird nicht müde, das Wort gegen sie zu führen. 1937 wird Pater Rupert Mayer vom Regime mit einem Rede- und Predigtverbot belegt. Im selben Jahr wird er verhaftet und von einem Sondergericht verurteilt. Die Öffentlichkeit empört sich. Nach seiner Freilassung dauert es nicht lange, der Pater wird erneut verurteilt und in das KZ Sachsenhausen überstellt. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich in der Haft rapide. Die Nationalsozialisten können ihn aber nicht als Märtyrer gebrauchen und so wird Pater Rupert Mayer in das Kloster Ettal verbannt. Dort bleibt er bis zu seinem Tod und wird 1987 selig gesprochen.

Wir erreichen das Tal im Dunkel des Abends und mussten bereits die letzten 100 Höhenmeter mit Stirnlampe absteigen – teils über Stege und Treppen aus Holz und auch über eine Leiter. Im Tal geht es dann knapp zwei Kilometer am Saum des Notwaldes entlang, zurück zur Ettaler Mühle. Es ist wieder zapfig kalt ganz ohne Sonne. Also beeilen wir uns, dass wir zurück zum Auto kommen und gönnen uns danach noch einen Einkehrschwung in der Ettaler Mühle. Eine wirklich tolle Adventstour über die Notkarspitze geht damit zu Ende. Das Ammergebirge zählt ohnehin zu meinen Favouriten. Die Notkarspitze ist dabei eine sehr angenehme, spannende und vielseitige Tour.

Tourenvariante für den Winter

David von yourdailymilk.de hat die Tour auf die Notkarspitze vom Ettaler Sattel aus gemacht: Hier findet ihr seinen Bericht über die Tour auf die Notkarspitze im Winterwonderland Ammergauer Alpen samt Bildern und einem Video!

Alle Bilder zur Tour

Outdooradvent

Outdooradvent 2016

Dieser Beitrag ist die No. 11 in der Reihe Outdooradvent 2016 berichten 24 Outdoorblogger über Vorweihnachtliches von Draußen, teilen ihre Gedanken in der staaden Zeit und stellen Wintertouren vor.

 

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Alex ist Münchner, Wahl-Landsberger und bloggt auf Luftschubser.de. Mit Vorliebe beschreibt er seine Touren und deren historische und kulturelle Hintergründe. Bereits seit 2003 schreibt er schon über Burgen - sein Steckenpferd - im Netz und führt das nun in seinem Blog fort. Das Bergsteigen, Wandern, die Natur, die Burgen als steinerne Zeitzeugen und der Austausch - unterwegs - mit anderen Menschen sind nicht nur Hobby, das ist seine Lebenseinstellung.

Website: https://luftschubser.de

2 Kommentare

  1. conny Antwort

    Hi Alex,
    ein wunderbarer Bericht mit sehr viel Hintergrundwissen und tollen Fotos. Auf der Notkarspitze war ich bisher nur einmal und das ist auch schon ein paar Jahre her. Damals habe ich auch nur den gleichen Auf- wie Abstieg nicht gestillt – die Geschichte des Heimbringers ;-).
    Viele Grüße
    Conny

    1. Alex

      Hi Conny,
      vielen lieben Dank!
      Ich finde es gleich wesentlich spannender, wenn sich um die Tour und die Geschichte dazu noch mehr Geschichten ranken 🙂
      Möchte man machnmal gar nicht für möglich halten, was alles schon passiert ist in der Gegend, in der wir auf Tour sind.

      LG
      Alex

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